Wissenschaftsgeschichte : Ein barockes Universalgenie

Er baute Fernrohre, entwarf Verbrennungsmotoren und verbesserte das Mikroskop: Eine Ausstellung erinnert an den Astronom Christiaan Huygens und seinen Vater.

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Foto: Huygensmuseum
Foto: Huygensmuseum

Sie gehören zu den Lichtgestalten des 17. Jahrhunderts, des Goldenen Zeitalters der Niederlande, als die junge Republik den Welthandel dominierte, Künste und Wissenschaften in voller Blüte standen. Der Diplomat, Dichter und Komponist Constantijn Huygens (1596–1687) und sein Sohn, der Physiker, Mathematiker und Erfinder Christiaan Huygens (1629–1695), lebten in einer Zeit, die nach Innovation lechzte und Talente begünstigte. Und dennoch sind diese universal gebildeten Persönlichkeiten in den Niederlanden längst nicht mehr so bekannt, wie es ihrem Rang eigentlich zukäme. Rembrandt ist berühmter als Constantijn Huygens, dabei war es Huygens, der Rembrandt entdeckt und ihm Aufträge für den Hof des Statthalters, des Prinzen von Oranien, verschafft hatte.

Dass beider Leben und Werk nun in einer großen Ausstellung in der Grote Kerk im Herzen Den Haags erstmals präsentiert wird, ist einem Zufall zu verdanken. Bei Restaurierungsarbeiten im Chor konnte man eindeutig die Gräber der berühmten Bürger der Stadt identifizieren – eigentlich ein Unding, dass sie in Vergessenheit geraten waren.

Constantijn Huygens wurde am 4. September 1596 in Den Haag geboren, in einer Zeit, in der der Aufstand der Niederlande gegen Spanien tobte. Constantijn lebte mit 29 Jahren noch bei seinen Eltern, schrieb erfolgreich Gedichte auf Latein und komponierte, bis er 1625 dank der Beziehungen seines Vaters Sekretär bei Statthalter Frederik Hendrik wurde. So kam Constantijn Huygens recht schnell an eine der Schaltstellen der jungen Republik. Zu sehen sind in der Ausstellung neben zahlreichen lateinischen Erstausgaben sein Kalender, in dem er seinen ersten Arbeitstag vermerkte. Kann man sich einen Beamten an den Schalthebeln der Macht vorstellen, der gleichzeitig 900 Kompositionen aufweisen kann?

Glänzte der Vater als Diplomat und Dichter, erwies sich sein Sohn Christiaan als wissenschaftlicher Universalist, ein Mann von ungebremstem Erfindungsgeist. Er studierte Jura und Mathematik, interessierte sich für das Schleifen von Linsen und baute Teleskope.

Durch sein verbessertes Teleskop gelang es ihm, die Existenz der Saturnringe und des Saturnmondes Titan nachzuweisen. Meterlange Teleskope haben die Neigung, durchzuhängen. Also entwickelte Christiaan Huygens ein Teleskop ohne Hülle, in dem er zwei Linsen in großem Abstand montierte. In der Ausstellung kann man durch ein Teleskop einen Tennisball in 40 Meter Entfernung erspähen, so groß etwa hat Huygens den Jupiter durch sein Teleskop damals nur gesehen.

Constantijn
Constantijn

Seine bekannteste Entdeckung dürfte das Huygen’sche Prinzip über Beugung und Brechung des Lichts sein. Auf einer interaktiven Fläche auf dem Boden können die Besucher die Brechung der Wellen persönlich testen. Wie überhaupt vieles zum Anfassen und Ausprobieren aufgebaut ist. So auch ein mehr als mannshohes Pendelwerk, mit dessen Hilfe man Huygens Verbesserung der Pendeluhr durch Einbau von Wangen am Pendel nachmessen kann.

Auf einer „Mauer der Vielfalt“ kann man die zahlreichen Erfindungen und Projekte Christiaan Huygens bestaunen. Er hatte die Versandung der Flüsse und die Federung der Kutschen untersucht, den Orion-Nebel durch sein Fernglas von der Qualität eines heutigen Spielzeugfernrohres so genau gezeichnet, dass die Hubble-Aufnahmen von 1995 die Richtigkeit der Beobachtung nur bestätigen konnten. Er überlegte sich einen Schießpulver-Verbrennungsmotor, um schwere Lasten zu heben, und entwarf einen Windkraftmesser. Zwischen 1654 und 1659 verbesserte er bei seinen Lichtexperimenten die Laterna Magica. Auch das Mikroskop entwickelte er weiter. Was Sportschuhhersteller heute propagieren, war Huygens theoretisch schon klar: ein Schuh mit einer gefederten Laufsohle.

Huygens entwarf einen Vorläufer der Panzerkette

Damit nicht genug: Er gewann einen Wettbewerb der Vereinigten Ostindischen Compagnie für die Entwicklung einer sicheren Seeuhr, ähnlich dem heutigen Kreiselkompass. Pech für ihn, dass der Holzmantel den tropischen Temperaturen nicht standhielt. Die Uhren sind in der Ausstellung zu sehen. Dann kam er auf die Idee, auf ein Holzrad kleine Bretter zu nageln, um schwere Lasten über sandigen Boden zu transportieren – zumindest auf dem Papier der Vorläufer der Panzerkette.

1663 wurde er in der englischen Hauptstadt zum Mitglied der „Royal Society of Sciences“ berufen und kurze Zeit später Direktor der frisch gegründeten Académie des Sciences in Paris. Aus gesundheitlichen Gründen musste er in die Niederlande zurückkehren.

Christiaan Huygens war seiner Zeit weit voraus. Aber seine genialische Vielseitigkeit war auch seine Schwäche. Er hatte so viele Ideen zur gleichen Zeit entwickelt, dass er nie die Ruhe fand, die Dinge auch weiterzuverfolgen, meint Peter van der Ploeg, Direktor des Huygensmuseums in Hofwijck und Kurator der Ausstellung.

Huygens war getrieben von der Idee, dem Funktionieren der Natur und des Weltalls auf die Spur zu kommen, Praxis und Theorie, Experiment und Anwendung, darum ging es in seiner Auffassung von der Welt und der Wissenschaft. Er hatte mit den Größen seiner Zeit korrespondiert, insgesamt mit 2000 Personen, von seinen über 100 000 Briefen sind etwa 11 000 bewahrt geblieben. Ein wahrlich gewaltiges Netzwerk, ganz ohne Facebook.

Bis 28. August, Grote Kerk, Torenstraat, Den Haag, 10 bis 17 Uhr, sonntags 11.30-17 Uhr, montags geschlossen. Eintritt 13,50 Euro. www.huygenstentoonstelling.nl

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