Wissenschaftsjahr 2007 : Triumph und Elend großer Geister

Schavan zieht Bilanz des Wissenschaftsjahrs 2007

„Die Krise der Geisteswissenschaften“ – war da mal was? Als Bundesforschungsministerin Annette Schavan am Dienstagabend im Berliner Pergamonmuseum eine Bilanz des Jahres der Geisteswissenschaften zog, kam das K-Wort jedenfalls nicht mehr vor. In bundesweit über 1000 Veranstaltungen zeigte die Zunft in Ausstellungen, Vorträgen, Lesungen und Performances selbstbewusst, was sie Gesellschaft und Wissenschaft zu bieten hat. „Die Geisteswissenschaften haben uns in wunderbarer Weise teilhaben lassen an ihrer Arbeit“, dankte Schavan, die 2007 etliche Förderinitiativen startete.

Öffentliche Aufmerksamkeit gab es vor allem für die „Kleinen Fächer“. Jetzt konnte Schavan die lange erwartete Kartierung dieser Exoten vorlegen, deren Bestand an deutschen Unis gefährdet ist. Zu den ganz Kleinen gehören die „Translatologie“, die Wissenschaft vom Übersetzen, oder die „Provinzialrömische Archäologie“. Gefährdet sind auch die „Sorabistik“ und die „Friesistik“, die gleichwohl für die kulturelle Vielfalt in Deutschland stehen.

Erstellt wurde die Liste von einer an der Uni Potsdam angesiedelten Arbeitsstelle. Als klein gilt ein Fach, das an höchstens acht staatlichen Hochschulen vertreten ist und dort nur je zwei bis drei Professuren hat. Zurzeit gibt es rund 120 Kleine Fächer. Eine Voraussage, wie sich die Fächer entwickeln werden und ob sie etwa durch die Bildung von Zentren gefährdet sind, scheint kaum möglich. So sehen viele Fachvertreter in den Veränderungen „erst mal eine Chance, ihr Fach neu zu profilieren“.

Entscheidend sei „ die strukturelle Einbindung der Kleinen Fächer in die Bachelor- und Masterstudiengänge“, betonte Schavan. Von „Artenschutz“ solle keine Rede sein, sagte der Potsdamer Slawist Norbert Franz, Herausgeber der Kartierung. Es sei nun an den Vertretern dieser Fächer, „ihre Hausaufgaben zu machen und ihre Relevanz nach außen zu tragen“. Bis Frühjahr 2008 sollen neue Vorschläge erarbeitet werden, wie Kleine Fächer in Studiengänge integriert werden können.

Eine echte Rettungsaktion verkündete Schavan eher nebenbei: Vier Geisteswissenschaftliche Zentren, darunter das Berliner Institut für Literaturforschung und das Zentrum Moderner Orient, werden ab Januar 2008 vom Bundesforschungsministerium gefördert – 50 Prozent trägt weiter das Sitzland.

Festredner Horst Bredekamp, Kunsthistoriker an der Humboldt-Universität (HU), nutzte seinen Rückblick unterdessen für eine persönliche Erklärung. Er empfinde „Verbitterung“ über das Ausscheiden seiner Universität im Exzellenzwettbewerb, sagte Bredekamp. Die Kritik am Zukunftskonzept der HU sei angesichts ihrer Entwicklung seit 1992 nicht nachzuvollziehen. Damals seien exzellente Hochschullehrer „neu an die HU berufen worden, um zu beweisen, dass Spitzenforschung an einer Universität möglich ist“. Seine Universität habe „Geistesgeschichte geschrieben“, ihr sei „eine veritable Durchdringung von Ost und West gelungen“. Nun sei die „Generation von 1992“ um die Anerkennung ihrer Verdienste gebracht worden.emg/-ry

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