Wissenschaftsjahr : Grund zum Staunen

Mit dem „Salon Sophie Charlotte“ beging die Akademie der Wissenschaften ihr 300-jähriges Jubiläum.

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Ausgeforscht. In der Akademie konnten am Sonnabend alle Berliner der Neugier freien Lauf lassen. Foto: Mirko Zander/Bildmitte

„Der Fortgang der wissenschaftlichen Entwicklung ist im Endeffekt eine ständige Flucht vor dem Staunen“: Dieses Zitat Albert Einsteins, ihres berühmtesten Mitglieds, hatte die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften zum Motto des „Salons Sophie Charlotte“ gemacht. Mit dem Salon lud sie die Öffentlichkeit am Sonnabend ein, den 300. Geburtstag ihrer Eröffnung mitzufeiern. Viele kamen, um Vorträgen und Darbietungen zu lauschen oder mit den Akademikern über ihre Vorhaben zu plaudern. Und um gelegentlich zu staunen. Streiflichter des Abends.

MUT ZUR DUMMHEIT

Erstaunlich eigentlich, dass nicht einmal das Wort „Fleiß“ fiel. „Wie kommt das Neue in die Wissenschaft?“, wollte Moderator Thomas Prinzler von der Biologin Christiane Nüsslein-Volhard und dem Chemiker Helmut Schwarz wissen. Die erste Antwort, die er erhielt, war: Mut. Für Nüsslein-Volhard ist das eine treibende Kraft in derWissenschaft. In ihrer Doktorarbeit beschäftigte sich die Wissenschaftlerin noch mit Bakterien. Für ihre Forschung an der Taufliege erhielt sie den Nobelpreis, inzwischen erforscht sie vor allem Fische. „Man muss den Mut haben, für eine Weile richtig dumm zu sein oder unbedarft“, sagte sie und plädierte dafür, das eigene Arbeitsfeld zu wechseln, den Mut zu haben „in einen frischen Teich springen, ohne zu wissen, wer dann anbeißt“.

Manchmal habe man vor lauter Vorträgen, Anträgen und Mitarbeitergesprächen kaum Zeit. „Aber man muss auch im Garten sitzen können und in die Luft starren. Dann fällt einem auch mal etwas ein.“ Dem stimmte Schwarz zu: „Man muss scheinbar nichts tun können, dann kann man etwas tun.“ Einmal sei ihm in einem schlechten Konzert ein guter Gedanke gekommen. „Ich bin in der Pause gegangen, weil ich verstand, woran wir fünf Jahre geforscht hatten.“

Wissenschaftler dürften nicht aufgeben, sie müssten für ihre Sache brennen, sagte Schwarz. Als Beispiel nannte er den Mathematiker Andrew Wiles, der sich jahrelang zurückzog, um am Beweis des großen Fermatschen Satzes zu arbeiten. „Was für ein Glücksfall!“ So kam er also doch noch vor, der Fleiß, auch wenn ihn niemand beim Namen nannte.

DAS GESCHLECHT DER WISSENSCHAFT

Staunen sollten die Besucher des Salons Sophie Charlotte auch am Beispiel der Brüder Humboldt. Es ging dabei nicht um die Frage, ob Wilhelm von Humboldt nun als Begründer der modernen Universitätsidee oder als Sprachforscher bedeutender ist. Im Salon Sophie Charlotte ging es um die so unterschiedliche Sexualität von Wilhelm und Alexander.

Der Sprachforscher Jürgen Trabant und der Humboldt-Biograf Manfred Geier förderten unbekannte Details ans Tageslicht. Wilhelm von Humboldt war ganz auf das weibliche Geschlecht fixiert und pflegte eine intensive erotische Beziehung zu Frauen. Er pries die geschlechtliche Vereinigung von Mann und Frau als sinngebende Erfahrung. Geistige Zeugungskraft zeige sich bei Künstlern und Forschern im Schöpferischen, charakterisierte Jürgen Trabant Wilhelms Erkenntnis.

Ganz anders Alexander von Humboldt. Er sei den Männern zugetan gewesen und habe als Homosexueller die Erfüllung der Sinnlichkeit nicht im realen Leben erwartet, wohl aber die Sinnlichkeit im Erleben fremder Erdteile mit ihrer exotischen Natur gesucht, meinte sein Biograf Manfred Geier.

ICH, MOMMSEN

Als einziger unter den Historikern erhält Theodor Mommsen im Jahr 1902 den Nobelpreis für sein Werk über die Römische Geschichte. Mommsen wird jedoch nicht als Historiker ausgezeichnet, weil es keinen Nobelpreis für Historiker gibt, sondern für Literatur. Dennoch vertraut er seinem Testament an, dass er sich eher als politisch denkender Mensch sieht und für die Geschichte nicht begabt genug gewesen sei.

Was für ein Leben! Der junge Mommsen startet in Norddeutschland als Journalist und kämpft für die Ideen der Paulskirche und die Revolution von 1848. Damit eckt er nicht nur in Norddeutschland an, sondern später auch in Leipzig, wo er aufgrund seiner Polemiken gegen die Restauration im Geiste Metternichs im Jahr 1851 seine Professur verliert. Er flieht nach Zürich ins Exil, wo er seine „Römische Geschichte“ schreibt.

Herrmann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zeigte auf, dass die römische Geschichte in der Sicht von Mommsen ohne dessen Erfahrungen mit der Revolution nicht hätte geschrieben werden können. Als Mommsen 1858 in die Preußische Akademie der Wissenschaften aufgenommen wurde, legte er sich mit Bismarck an. Denn der preußische Ministerpräsident war für ihn „kein Cäsar“.

Mommsen preist Julius Cäsar, weil der es in einer welthistorischen Notlage fertiggebracht habe, von einer revolutionären Situation nicht mitgerissen zu werden, sondern sie zu beherrschen. Bismarck hingegen warf Mommsen vor, seine Vertiefung in das Altertum habe seinen Blick für die Gegenwart getrübt.

DER GOTT DER PHYSIK

„Hin zu Gott!“: Mit dieser Losung bekennt sich der Physiker Max Planck in einem ergreifenden Interview 1945 zur Religiosität und zum Glauben. Planck blickt zu diesem Zeitpunkt auf ein ebenso erfülltes wie von schweren Schicksalsschlägen gezeichnetes Leben zurück. Vier seiner Kinder hat er verloren, Haus und Habe sind im Bombenkrieg zerstört worden. Trotzdem hält er daran fest, religiös zu sein. Zwischen Religion und Naturwissenschaft gebe es „nirgends einen Widerspruch“, in entscheidenden Punkten gar „völlige Übereinstimmung“. Gemeinsam kämpfe man gegen Skeptizismus, Unglauben und Aberglauben.

Planck hat der Akademie ein halbes Jahrhundert gedient; 1914 gelingt es ihm, Albert Einstein nach Berlin und an die Akademie zu holen. Zur Religion geht dieser, Angehöriger einer neuen Wissenschaftlergeneration, auf größere Distanz. An die Stelle eines persönlichen Gottes tritt Gott als Metapher, auch wenn Einstein von einem „Gefühl des Geheimnisvollen“ schwärmt, das ihn im Angesicht des Kosmos erfülle.

Die Schauspieler Henning Bormann und Hanns Zischler schlüpften in die Rollen Einsteins und Plancks; zu ihnen gesellte sich aus Wien per Videoleinwand der Physiker Anton Zeilinger, legitimer Nachfolger Plancks und Einsteins in der Akademie. In seiner Kolumne für die „New York Times“ pries der Musiker Bono („U2“) Zeilinger wegen seiner Quanten-Teleportationsexperimente bereits als „Rockstar der Wissenschaft“. Es klingt tatsächlich ziemlich abgefahren, was der so bedachtsam und unaufgeregt auftretende Zeilinger über die enorme Bedeutung des Zufalls in der Quantenwelt herausgefunden hat. „Nicht einmal der liebe Gott weiß, wie es ausgeht“, hat er in der „Weltwoche“ einmal seine spektakulären Experimente kommentiert. Wenn das keine Ironie ist. Seine Vorgänger wären vermutlich geschockt.

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