Wissenschaftspolitik : Zu wenig Geld für Europas Forschung

Europas Wirtschaft engagiert sich zu wenig für die Forschung. Die Staaten der Europäischen Union verfehlen deshalb derzeit das selbstgesteckte Ziel, ihre Investitionen in dem Bereich massiv zu steigern.

Tilmann Warnecke

Während die Regierungen die Mittel für die Wissenschaft erhöhten, seien die Beiträge der Unternehmen für Forschungsprojekte „nicht ausreichend“, heißt es in einem neuen Bericht der Europäischen Kommission zur Forschungsentwicklung in den Mitgliedsländern.

Der Anteil aller Forschungs- und Entwicklungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt – der bis 2010 auf drei Prozent steigen soll – liege EU-weit noch immer nur bei 1,8 Prozent und sei seit dem Jahr 2000 sogar geringfügig zurückgegangen. In demselben Zeitraum hätten Staaten wie Japan (das in zwischen 3,4 Prozent des BIPs für Forschung ausgibt) und Südkorea (3,1 Prozent) dagegen stark zugelegt.

Der Bericht beruft sich auf Zahlen von 2006, als die Wirtschaft boomte. Inzwischen dürften die Aussichten wegen der Finanzkrise noch düsterer sein. Wie wenig die europäischen Unternehmen in Forschung investieren, zeigt der Vergleich mit den USA und Japan. Zwischen 2000 und 2006 gaben US-Firmen 1,36 Billionen Euro für Forschung aus. In der von der Einwohnerzahl her weitaus größeren EU nahmen die Unternehmen im gleichen Zeitraum 514 Milliarden Euro weniger in die Hand. Selbst die Firmen im vergleichsweise kleinen Japan (in der EU leben viermal so viele Menschen) investieren fast so viel wie die europäischen Unternehmen.

Deutschland gehört innerhalb der EU zur Spitzengruppe, was Investitionen in Forschung angeht. 2,5 Prozent des BIPs flossen 2006 hierzulande in diesen Bereich. Besser schneiden nur Schweden und Dänemark ab. Sehr dynamisch entwickeln sich die EU-Neuzugänge wie Estland, Lettland oder Zypern, die allerdings von einem sehr niedrigen Niveau starten. Die beiden anderen großen europäischen Staaten Frankreich (2,0 Prozent) und Großbritannien (1,8 Prozent) dagegen fallen ab; bei ihnen sanken die anteiligen Forschungsausgaben sogar. Auch für Deutschland gilt: Steigende Staatsausgaben für die Wissenschaft machten fehlende Investitionen der Wirtschaft wett.

Der Bericht zeigt, wie sehr Europa in einem immer härteren internationalen Wettbewerb kämpfen muss. Drei Viertel der weltweiten Forschungsaktivitäten finden inzwischen außerhalb Europas statt. Im Jahr 2000 kamen 36 Prozent der weltweit angemeldeten Patente aus der EU, 2005 waren es nur noch 30 Prozent. Die Staaten müssten Forschung mehr als gemeinsame Aufgabe begreifen, wenn sie erfolgreich agieren wollten, fordert die EU. Noch immer würden sich die Mitgliedstaaten in der Wissenschaft teilweise gegeneinander abschotten. So sei es erstaunlich, dass in den meisten Ländern mehr nichteuropäische Doktoranden forschten als Doktoranden aus einem anderen EU-Staat.

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