Wissenschaftsprekariat : Erst Ivy League, nun Hartz IV

Wer im Ausland geforscht hat, kommt schwer an eine deutsche Uni zurück. Der Erfahrungsbericht eines verzweifelten Postdocs.

Anonymus
Menschen in roten Ganzkörperanzügen mit dem Schriftzug "befristet" stehen vor dem Brandenburger Tor.
Forschern keine gute Heimat. Eine Protestaktion vor dem Brandenburger Tor im November 2015.Foto: GEW/Kay Herschelmann

Schätzungen zufolge arbeiten etwa 10 000 Akademiker aus Deutschland im Ausland. Jedes Jahr wählen Forscher die Exit-Option und verlassen das Land, anstatt zu protestieren oder zu streiken. Das Land zu verlassen, kann ein wichtiger Karriereschritt sein. Regelmäßig aber wird der Weg ins Ausland gewählt, weil das Wissenschaftszeitvertragsgesetz greift: Nach sechs beziehungsweise nach zwölf Jahren erlaubt es keine weitere Verlängerung befristeter Arbeitsverträge.

Auf nach Großbritannien, da gibt es Jobs und gute Unis

Europas Akademiker zieht es besonders nach Großbritannien. Die Universitäten haben einen guten Ruf. Außerdem hat das Land ein akademisches Nachwuchsproblem. Darum gesellten sich zu den Spaniern, Italienern und Griechen auch vermehrt promovierte deutsche Akademiker (Postdocs). So auch ich.

Aber wie kommt man mit Anfang 40 zurück? Im Sommer 2013 bin ich nach sechs Jahren und drei Projektstellen in Großbritannien nach Deutschland zurückgekehrt, denn ich sah meine Chancen schwinden, es sonst überhaupt noch mal zu schaffen. Da es von meinen europäischen Kollegen nur einer Minderheit gelungen war, in ihre Heimatländer zurückzukehren, war ich gewarnt.

Ein Stipendium für Heimkehrwillige - mit gefährlicher Förderlücke

Erste Wahl dafür ist die Marie-Curie-Förderung. Dieses Stipendium hat die EU eigens initiiert, um Heimkehrwilligen den Einstieg zu Hause zu erleichtern. Das Stipendium stellt 75 Prozent des Gehalts. Zusätzlich benötigt man ein aufnehmendes Forschungsinstitut in der Heimat, welches die restlichen 25 Prozent finanziert. Kaum mehr als jeder zehnte Bewerber hat Erfolg.

Ich hatte das Angebot einer Professorin, an einer süddeutschen (Elite-)Universität eine eigene Forschungsgruppe zu etablieren. Als sie jedoch erfuhr, dass ich plante, mit einem Marie-Curie-Stipendium zu kommen, zeigte sie sich enttäuscht. Nur bei einer hundertprozentigen Finanzierung würde das Institut mich aufnehmen können.

Also schwenkte ich um. Da ich konkrete Forschungsideen im Kopf und gute Kontakte in der Hinterhand hatte, würde ich mir eben mit Drittmitteln den Weg nach Hause ebnen. Auf die nächste Ausschreibung hin unterbreitete ich entsprechenden Kollegen und auch der Professorin meine Forschungsidee. Außerdem bot ich an, in die unbezahlte, mindestens einjährige Vorleistung zu gehen.

Die Forschungsidee ist exzellent, doch jetzt fehlt das Heimatinstitut

Meine Forschungsidee stieß unisono auf Zuspruch. Als ich dann aber deutlich machte, dass ich die spätere Koordination des Konsortiums nur aus einem der Institute heraus übernehmen könnte, da ich als in Deutschland nicht institutionell angebundener Wissenschaftler nicht antragsberechtigt sei, verfielen die Kollegen bis zur Ausschreibungs-Deadline in finales Schweigen. Die Professorin empfahl mir aber im Nachgang, künftig keine Forschungsprojekte mehr anzuregen, wenn ich kein koordinierendes Heimatinstitut in Deutschland vorweisen könne. Soziale Exklusion auf akademisch.

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