Wissenschaftssalon : Mensch mit Macken

Evolutionäre Medizin: Detlev Ganten über den Ursprung der Krankheiten.

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Im Gespräch. Detlev Ganten und Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt beim Wissenschaftssalon. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

„Kein Mensch kann von sich behaupten, dass er gesund ist. Jeder hat irgendwelche Macken.“ Auf diese griffige Formel brachte Detlev Ganten, Mediziner, Ex-Charité-Chef und Buchautor das Problem, das wir mit unserem Körper und seinen Zipperlein haben. Ganten stellte sein neues Buch „Die Steinzeit steckt uns in den Knochen“ beim ersten Tagesspiegel-Wissenschaftssalon vor. In seinem kurzweiligen Vortrag setzte er sich kurzerhand über die Definition von Gesundheit hinweg, wie sie die Weltgesundheitsorganisation WHO geprägt hat. Nach deren Ansicht ist Gesundheit ein Zustand des „vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens“.

Von Darwin haben die Leute bei der WHO augenscheinlich noch nichts gehört. Betrachtete man ihren Begriff von Gesundheit unter dem Blickwinkel der Evolution, dann dürfte sich herausstellen, dass „völliges Wohlergehen“ mit dem Leben nicht vereinbar ist. Ein saturierter Steinzeitmensch wäre in seiner glücksvernebelten Apathie eine leichte Beute für nicht ganz so glückliche, aber hungrige Zeitgenossen geworden.

Die Evolution ist es aber, die uns hervorgebracht hat, wie Ganten deutlich machte. „Unser Erbgut hat eine Geschichte wie die Erde selber“, sagte er. Der Mensch schleppt in seinen Erbanlagen 3,5 Milliarden Jahre Entwicklungsgeschichte mit sich herum. Hinzu kommen die vielen winzigen genetischen Veränderungen, die sich bei den unablässigen Zellteilungen in unserem 100-Billionen-Zellen-Organismus ereignen.

Die evolutionäre Medizin kann den Ursprung vieler Krankheiten erklären. Häufig „entstehen sie aus der Kluft zwischen dem, was wir sind, und dem, wie wir leben“, erläuterte Ganten. Beispiel: Der Steinzeitmensch gierte nach Salz, um den Verlust etwa beim Schwitzen auszugleichen. Die Gier ist geblieben – aber das Zuviel an Salz führt heute nicht selten zu Bluthochdruck.

Beispiel Nummer zwei: Depressionen. Sie sind mit Angst verknüpft. Unsere Vorfahren hatten bei Angst ein einfaches Rezept – weglaufen! Die moderne Medizin entdeckt gerade wieder, wie hilfreich körperliche Bewegung bei Depressionen ist. Auch vor ihnen sollte man weglaufen.

Die Besucher des Salons konnten an einem von Moderator Kai Kupferschmidt entwickelten Quiz teilnehmen und in einem „Kummerkasten der Evolution“ Verbesserungsvorschläge machen. Und die kamen reichlich: Wie wäre es mit nachwachsenden Zähnen, einem Sinn für Radioaktivität, schlechterer „Futterverwertung“, Stressresistenz oder gar mit Flügeln? Auch in den nächsten 3,5 Milliarden Jahren dürfte der Evolution die Arbeit nicht ausgehen. wez

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