Wissenschaftsstandort : Biochemiker Tuschl kommt nach Berlin

Erst New York dann zurück in die Hauptstadt: Prominenter Forscher wechselt an die FU.

Hartmut Wewetzer

Eigentlich, so hatte es zumindest den Anschein, wollte Thomas „Tom“ Tuschl vorerst nicht nach Deutschland zurück. Der Jungstar unter den deutschen Biochemikern beteuerte stets, vorläufig in den USA bleiben zu wollen. Dort hat er an der prestigereichen New Yorker Rockefeller-Universität eine gutdotierte Stelle. Jetzt aber bahnt sich eine überraschende Wende an.

Tuschl wechselt vermutlich an die Freie Universität Berlin (FU). „Wir sind in der Schlussphase der Verhandlungen“, sagte ein FU-Sprecher dem Tagesspiegel, „und wir sind optimistisch, dass es klappen wird.“

Der 42-jährige Forscher hat eine Bilderbuchkarriere in Deutschland und den USA hinter sich. Er studierte Chemie in Regensburg, promovierte 1995 am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin in Göttingen und ging dann als Nachwuchswissenschaftler (Postdoc) an das Whitehead-Institut für biomedizinische Forschung in Cambridge. 1999 kehrte er nach Göttingen zurück, an das Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie – um 2003 erneut in die USA zu wechseln, an die Rockefeller-Universität.

RNS-Interferenz ist das Spezialgebiet von Tuschl. Mit ihrer Hilfe schaltet die Zelle gezielt Gene aus – etwa, um Krankheitserreger abzuwehren. 1998 kamen die Amerikaner Andrew Fire und Craig Mello diesem auch für die Medizin interessanten Phänomen auf die Spur. Tuschl erkannte sofort die Bedeutung ihrer Arbeit und veröffentlichte 2000 und 2001 seinerseits bahnbrechende Studien, in denen er unter anderem zeigte, dass die RNS-Interferenz auch in Säugetieren funktionierte.

Schon 2006 gab es für die Entdeckungen den Medizin-Nobelpreis. Allerdings wurden mit Fire und Mello nur die Pioniere der ersten Stunde ausgezeichnet, Tuschl ging vorerst leer aus. Dafür regnete es andere Preise. Zudem ist Tuschl Mitbegründer des börsennotierten US-Biotechnik-Unternehmens Alnylam, das Produkte mit RNS-Interferenz entwickelt und dessen Börsenwert auf rund eine Milliarde Dollar geschätzt wird.

Tuschl ist bereits der zweite biomedizinische Spitzenforscher, den es dieser Tage in die Region zieht. Unter Dach und Fach ist die Berufung von Peter Seeberger, bisher an der ETH Zürich. Seeberger erforscht Zucker als Signalstoffe. Er wird Honorarprofessor an der FU und „im Hauptberuf“ Direktor eines entstehenden Max-Planck-Instituts für Glykobiologie in Potsdam. Hartmut Wewetzer

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