Wissenschaftsstandort : Bosse verkennen Berlin

Die Hauptstadt der Wissenschaft ist in der Wirtschaft noch längst nicht anerkannt. Dabei liegt Berlin in Bildungs- und Forschungsrankingsrankings deutschlandweit ganz vorn.

Uwe Schlicht

BerlinDie Berliner Hochschulen legen rote Teppiche aus, um Spitzenmanager in die Kuratorien zu holen oder sie als Spender in diversen Freundeskreisen zu gewinnen. Selbst in den Geisteswissenschaften sind inzwischen Drittmittel aus der Wirtschaft so gefragt, dass Bedenkenträger, die von einem Ausverkauf der Wissenschaft reden, auf verlorenem Posten stehen. Aber die Bosse der deutschen Wirtschaft haben diesen Mentalitätswechsel kaum zur Kenntnis genommen. Das zeigt eine jetzt veröffentlichte Umfrage der Gesellschaft „Partner für Berlin“ unter Spitzenmanagern. Die Aussagen sind von Gemeinplätzen bis hin zu Vorurteilen geprägt.

Das Ergebnis zeigt, dass Berlin nicht als das zusammen mit München wichtigste Zentrum der Wissenschaft in Deutschland anerkannt ist – obwohl bundesweite Bildungs- und Forschungsrankings dies zeigen. Hinter dem viel belächelten Slogan für München – „Laptop und Lederhose“ – verbirgt sich die Erfolgsstory des Aufstiegs vom Agrarland Bayern zum heutigen Standort der Spitzentechnologie. Einen vergleichbar bekannten Slogan gibt es für Berlin nicht. Vielmehr befindet sich die Hauptstadt aus der Sicht der Wirtschaft in einer Reihe von wissenschaftlichen Zentren wie Aachen, Mannheim, Köln, Heidelberg, Frankfurt, Hamburg, Freiburg.

Lob für den Standort Berlin findet sich selten

Noch immer gibt es jene Mischung aus berechtigter Kritik und Vorurteilen, wonach Berlin am Tropf der Subventionen hängt und sich durch bürokratische Schwerfälligkeit negativ heraushebt. Die frühere Notwendigkeit der Subventionen nach der Blockade Berlins und deren radikaler Abbau nach der Wiedervereinigung scheinen nur wenigen bewusst zu sein. Befragt wurden 2005/2006 im Winter 18 deutsche Spitzenmanager.

Man muss schon froh sein, wenn man Aussagen findet wie die von Josef Ackermann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank: „Berlin befindet sich in punkto Lehrangebot und Forschungsleistung auf einem sehr hohen Niveau. Auf diese Leistungsfähigkeit kann der Standort stolz sein.“ Von Berlinkenntnis zeugt auch die Aussage von Rolf Breuer, ehemals Vorstandssprecher der Deutschen Bank: „Eine Stadt mit drei Universitäten kann sich nur zu einem renommierten Wissenschaftsstandort mausern, wenn sie ein Gesamtkonzept erarbeitet. In der Vernetzung der drei Universitäten liegt die Chance, etwas Besonderes zu präsentieren.“

Ulrich Lehner von der Henkel AG führt detailliert die Wissenschaftsbeziehungen zur Humboldt-Universität, der Charité und der TU auf. So gewinnt seine Aussage an Gewicht, wenn er den Schluss zieht: „Die Industrie wendet sich weltweit dorthin, wo die Top-Performance ist. Hier bietet sich eine große Chance für Berlin.“ Werner Müller, Vorstandsvorsitzender der RAG in Essen, bekennt immerhin, dass er die Entwicklung im Wissenschaftspark Adlershof „mit großem Interesse“ verfolge. Ebenso kann Steffen Neumann, Vorstandsmitglied des Verlagshauses Springer, seine Aussagen mit Beispielen einer Vernetzung zu Berliner Wissenschaftseinrichtungen belegen. Er gibt den Rat: „Eine zentrale Marketingaufgabe für die Berliner Hochschulen ist es, sich einerseits über Einzelthemen zu differenzieren und andererseits gemeinsam die Anziehungskraft des Wissenschaftsstandortes Berlin zu stärken.“

Schwammige Ratschläge ohne Detailkenntnisse

Berlin ist sicher auch gut beraten, nicht nur auf die Forschung zu setzen, sondern seine Leistungen in der Lehre zu verbessern. Robert Schmucker, Geschäftsführer der Schmucker-Technologie, sagt: „Ein Wissenschaftsstandort leuchtet, wenn dort hervorragende Hochschullehrer durch ihre Begeisterung, ihr Charisma und ihre didaktischen Fähigkeiten den Studenten ihr Arbeitsgebiet näher bringen, das Interesse wecken und sie hervorragend ausbilden.“

Auf der anderen Seite stehen Aussagen mancher Bosse, die so abstrakt sind, dass sie auf jede bedeutende Stadt der Wirtschaft und Wissenschaft in Deutschland oder Europa passen könnten. Der ehemalige Vorsitzende des Aufsichtsrats der Siemens AG, Heinrich von Pierer, etwa rät: „In Berlin sollten die Kontakte zwischen Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Wirtschaft und Industrie, aber auch zur Politik im Sinne einer Clusterbildung intensiviert werden. Der Übergang zwischen Grundlagenforschung, Anwendungs- und Produktentwicklung ist fließender, als oft gedacht wird.“ Diesen Rat könnte von Pierer auch mit derselben Treffsicherheit für München, Stuttgart, Köln, Frankfurt, Hamburg oder Hannover geben. Hätte er wenigstens für Berlin konkrete Hinweise gegeben, auf welchen Gebieten denn die Cluster gebildet werden sollen, wäre die Aussage viel zielgenauer gewesen.

Auch der Rat von Wulf Bernotat, dem Vorsitzenden des Vorstandes der EON AG ist so allgemein gehalten, dass er auf viele Unistädte passen könnte: „An deutschen Universitäten herrscht vielfach Regelungswahn, der die Eigeninitiative und aktive Hinwendung zur Industrie behindert. Führungsstrukturen an den Hochschulen sollten gestrafft, die Organisation entbürokratisiert und die Kooperation mit der Wirtschaft grundsätzlich als Chance gesehen werden.“

Seit Jahren laufen radikale Reformen

Berlin ist hier seit Jahren Vorreiter, denn genau das ist seit 1997 geschehen, als der Gesetzgeber den Hochschulen die Chance zum Experimentieren einräumte. Seitdem haben alle vier Universitäten und die meisten Fachhochschulen Reformsatzungen mit starken Präsidenten. Der Einfluss der Gremien wurde auf Beratung zurückgeschnitten. Führende Vertreter der Wirtschaft und Gesellschaft sind in die Kuratorien berufen worden, um dort gemeinsam mit den Präsidenten die strategische Entwicklung festzulegen. Eine solch radikale Reform sollte sich auch in der Wirtschaft herumgesprochen haben.

Es finden sich aber auch Aussagen, die an Banalität nicht zu übertreffen sind. Was unterscheidet eigentlich die Einschätzung von Reinhard Pöllath, Aufsichtsratsvorsitzender bei Tchibo, von den Zufallseindrücken, die ein ganz normaler Fachbesucher der Internationalen Tourismusbörse aus Berlin mitbringt? „Die Attraktivität Berlins liegt in seinem Freizeitwert: Die Vielzahl der Opern, Theater und Veranstaltungen, generell die Kultur und die gerade für junge Leute attraktiven Preise.“ Karl Pohler, Vorstandsvorsitzender des LebensmittelDienstleisters IFCO Systems, fällt auf, dass Berlin eine Messestadt ist mit „einem beeindruckenden Kultur- und Freizeitangebot, hervorragenden Hotels und Restaurants, ein pulsierender Ort der Kreativität und des Austausches, wo man sich gern trifft und miteinander redet“.

„Partner für Berlin“ kommt zu dem Schluss, dass es immer noch unspezifische Vorbehalte hinsichtlich der Berliner Wissenschaft gebe. Die Exzellenz in einzelnen Bereichen strahle noch nicht über die Grenzen Berlins hinaus. Viele Entscheidungsträger würden von Erfolgsnachrichten aus Berlin gar nicht erreicht. Von daher müsse auch die Öffentlichkeitsarbeit der Hochschulen und der Forschungsinstitute verbessert werden.

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