Wissen : Wo die Antilope nicht mehr wandert

Huftierherden legen immer seltener lange Märsche zurück

Roland Knauer
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Bedrohte Tiere. Früher zogen hunderttausende Saiga-Antilopen durch die kasachische Steppe. Inzwischen sind nur noch wenige...

Mehr als hunderttausend Hufe wirbeln auf der weiten Ebene Staubwolken auf, die riesige Herde wandert in Regionen, in denen sie besser überleben kann. Seit vielen Jahrtausenden pendeln die Gnus in der afrikanischen Serengeti, die Bisons auf den nordamerikanischen Prärien oder die Saiga-Antilopen in den Steppen Zentralasiens jedes Jahr zwischen Gebieten, die in der jeweiligen Jahreszeit die optimalen Bedingungen für sie bieten. Aber diese langen Wanderungen riesiger Huftierherden werden seltener, stellen Grant Hopcraft und Simon Thirgood vom Afrika-Hauptquartier der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) in Tansania fest. Von 24 wandernden Arten haben sechs ihre Märsche komplett eingestellt, schreiben die Forscher in „Endangered Species Research“ (Band 7, Seite 55).

Dafür gibt es mehrere Gründe. Die Zahl der Tiere geht zurück, wie im Fall der Saiga-Antilope in Kasachstan. Die dort lebenden Nomaden wurden von der Sowjetregierung zur Sesshaftigkeit erzogen. Aber die kargen Äcker in den ehemaligen Steppen konnten die Menschen kaum ernähren. Als dann das Riesenreich zusammenbrach und die staatlichen Subventionen ausblieben, landeten zahlreiche Saiga-Antilopen auf dem Teller. Von einst wohl mehreren hunderttausend Tieren waren vor wenigen Jahren vielleicht zehntausend übrig.

Die Zahl der wandernden Tiere nimmt aber auch ab, weil ihr Weideland immer häufiger in Ackerflächen umgewandelt wird. Da die massiv dezimierten Herden weniger Gras brauchen, kommen sie jetzt mit kleineren Wanderungen aus, sagt der ZGF-Geschäftsführer Christof Schenck. Die Springböcke und die Weißschwanzgnus in Afrika etwa gehen gar nicht mehr auf Wanderung.

Vereinzelt gibt es aber auch eine entgegengesetzte Entwicklung. In Kasachstan suchten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion viele der einstigen Nomaden ihr Glück in den Städten. „Die Dörfer sind heute meist verlassen und verfallen“, sagt Schenck. Das steigert die Überlebenschancen der Saiga-Antilopen. Gleichzeitig bauen Naturschutzverbände mit der ZGF Ranger-Brigaden im Land auf. Sie sollen den Wilderern das Handwerk legen, die die Hörner der Saiga-Antilope in den Fernen Osten verkaufen.

Als die Naturschützer jetzt aus Flugzeugen Saiga-Antilopen zählten, kamen sie auf rund 40 000 Tiere in den Steppen Zentralasiens. „Um diesen Aufwärtstrend zu unterstützen, versuchen wir Kasachstan davon zu überzeugen, auf mehreren Millionen Hektar Schutzgebiete einzurichten“, sagt Schenck. Dieses Konzept hat bereits anderswo funktioniert: Seit auf Betreiben des damaligen ZGF-Präsidenten Bernhard Grzimek in der Serengeti ein großer Nationalpark einen wichtigen Teil der Gebiete der wandernden Gnus schützt, konnten sich diese Huftiere von wenigen hunderttausend auf heute eineinhalb Millionen Exemplare vermehren. Roland Knauer

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