Wohnheim in Mainz : Gemischte Studenten-WGs: „Das funktioniert nicht“

Weil sie eine Frau ist, wird einer Studentin in Mainz der Einzug in eine Studenten-WG verweigert. Sie spricht von einer "mittelalterlichen Begründung.

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Diese Dreier-Konstellation wäre im Studentenwohnheim Hechtsheim nicht zulässig: Studierende an der Uni Mainz. Foto: ddp
Diese Dreier-Konstellation wäre im Studentenwohnheim Hechtsheim nicht zulässig: Studierende an der Uni Mainz.Foto: ddp

Beim Studierendenwerk Mainz ist man flexibel. Ob ruhig oder gesellig, mit Familie oder dem Partner oder auch barrierefrei: Alles kein Problem! Das jedenfalls verspricht der Leiter der Abteilung Studentisches Wohnen, Benjamin Bösser, auf der Website des Studierendenwerks und fügt an: „Ich verspreche dir, es wird unvergesslich!“

Unvergesslich ist die Wohnungssuche wohl auch für die 22-jährige Madleen. Die angehende Studentin der Filmwissenschaften an der Johannes-Gutenberg Universität Mainz hatte sich auf die Suche nach einer geeigneten Wohngemeinschaft gemacht. Schnell wurde sie im Mainzer Wohnheim Hechtsheim fündig und bereitete sich auf den Einzug vor. Doch dieser wurde ihr verwehrt – weil sie eine Frau ist.

„Das ist eine mittelalterlichen Begründung“

Madleen und ihr potenzieller Mitbewohner hätten sich prima verstanden, dem gemeinsamen Wohnen habe nichts mehr im Wege gestanden, erzählt sie. Aber: Eine Sachbearbeiterin habe den Studenten telefonisch mitgeteilt, dass gemischte WGs „einfach nicht funktionieren“. Problematisch sei hier vor allem die Nutzung eines gemeinsamen Badezimmers.

Studierendenwerk-Chef Benjamin Bösser habe sich dieser Sichtweise angeschlossen. Zudem soll er sich rassistisch über ausländische Heimbewohner geäußert zu haben. Bei diesen seien Mann und Frau ja nicht immer gleichgestellt, habe Bösser gesagt. Madleen – übrigens keine Ausländerin – spricht von einer „mittelalterlichen Begründung“ und fühlt sich diskriminiert.

Abteilungsleiter Benjamin Bösser erklärt auf Tagesspiegel-Nachfrage: „Im betreffenden Wohnheim Hechtsheim praktizieren wir seit Jahren aufgrund der baulichen Situation nur eine gleichgeschlechtliche Vermietung vor dem Hintergrund des Persönlichkeitsschutzes.“ Auch sei es zutreffend, dass im konkreten Fall dem Studierenden nicht erlaubt wurde, „einen Nachmieter in Form einer Nachmieterin in die 2er-WG einzumieten“.

Beim AStA Mainz kennt man die Vorwürfe

In allen anderen Wohnheimen des Studierendenwerks seien gemischte WGs hingegen überhaupt kein Problem. Das vermeintliche Zitat über ausländische Heimbewohner sei allerdings „unzutreffend“, sagt Bösser: Er habe lediglich darauf hingewiesen, „dass es in den ausländischen Kulturen auch unterschiedliche Stellungen von Mann und Frau gibt“. Darauf müsse man Rücksicht nehmen.

Beim AStA der Uni Mainz hat man schon öfter von solchen Vorfällen gehört. „Wir wissen, dass das Studierendenwerk nur bei Wohnungen derartig verfährt, die keine getrennten Bäder haben“, sagt der Sprecher Max Weiglin. Es sei zwar legitim, wenn Menschen aus freien Stücken nicht geschlechtergemischt wohnen wollten. Nur aufzwingen solle man dies niemandem.

Man will den Frauen entgegenkommen, sagt der Dachverband

Rückendeckung bekommt das Studierendenwerk hingegen vom Dachverband Deutsches Studentenwerk. Sprecher Georg Schlanzke findet die Vorgänge „völlig normal“: „Es gibt eine Reihe von Standorten, wo so verfahren wird“, sagt er dem Tagesspiegel. Er verweist auf verschiedene Wohnheime, die ausschließlich für Frauen gedacht sind.

Eines gibt es auch in Berlin, in der Nähe der Technischen Universität. Das Studentenwerk möchte Schlanzke zufolge lediglich Frauen entgegenkommen, die sich eine geschlechtergetrennte Wohngemeinschaft wünschten, das seien nicht wenige. Dass dies auf die betroffene Studentin aus Mainz aber gar nicht zutrifft, spielt für ihn keine Rolle.

Studentin Madleen ist vom Studentenwerk enttäuscht. Es sei für Studenten allgemein schwierig, eine Wohnung zu finden. Da müsse einem das Studentenwerk nicht zusätzlich Steine in den Weg legen. Ihr wurde unterdessen ein anderes Zimmer zugeteilt, ebenfalls im Wohnheim Hechtsheim, in dem ihr zunächst der Einzug verwehrt wurde. Mit wem sie zusammenleben wird, weiß sie noch nicht. „Die werden mir wohl eine Frau zuteilen“, sagt sie.

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