Work-Life-Balance : „Der Liebe wieder mehr Bedeutung geben“

Die Soziologin Christine Wimbauer über die Risiken einer Arbeitswelt, die völlige Selbstverwirklichung verspricht. Besonders fragil aus Wimbauers Sicht: Doppelkarrierepaare, die scheinbar alles im Griff haben.

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Risiko Arbeit. Ging es früher um bestimmte Fähigkeiten einer Person, wird heute der ganze Mensch verlangt, sagt Wimbauer.
Risiko Arbeit. Ging es früher um bestimmte Fähigkeiten einer Person, wird heute der ganze Mensch verlangt, sagt Wimbauer.Foto: picture alliance / dpa

Frau Wimbauer, Sie beschreiben in Ihrem Buch ein wahres Wunderpaar, die Pfaffs, die beide beruflich extrem erfolgreich sind, aber zwei Kinder großziehen. Wie schaffen die das?
Die Pfaffs gelten in unserer Studie als so genanntes Doppel-Vollkarriere-Paar. Die Priorität liegt hier auf dem Beruf und gleichermaßen auf der Paarbeziehung. Die Beziehung dient dabei aber auch als Ressource für die berufliche Entwicklung. Natürlich ist das ganze Familienleben sehr durchorganisiert, die Zeit ist knapp, auch für die Freizeit und die Kinder. Das alles funktioniert, weil die Pfaffs sehr gut situiert sind und viele Arbeiten auslagern, die sich weniger verdienende Paare nicht leisten können, eben die Kinderbetreuung und Haushaltshilfen.

Das klingt perfekt. Zahlen die Pfaffs einen Preis?

Christine Wimbauer, Soziologin an der Uni Duisburg-Esssen.
Christine Wimbauer, Soziologin an der Uni Duisburg-Esssen.Foto: Uni Duisburg-Essen

Alle weiteren Bereiche, Freizeit und Freundschaften, müssen hinter der Karriere zurückstehen. Die Pfaffs erkennen andere Lebensmodelle nicht an, sie ziehen sich von Personen zurück, die nicht so leben wie sie. Diese Einseitigkeit hat Tücken. Es stellt sich ja die Frage, was passiert, wenn sie ihren beruflichen Erfolg nicht mehr auf diese Weise realisieren können. Wenn beispielsweise sie selbst oder die Kinder krank werden oder irgendetwas in diesem perfekt organisierten System nicht mehr funktioniert. Dann kann es sein, dass das ganze Lebensmodell ins Wanken gerät.

Sie haben bewusst „Doppelkarriere-Paare“ untersucht, die hohe Ansprüche an Egalität stellen. Beide Partner wollen sich an der Hausarbeit beteiligen, beide sind beruflich sehr ambitioniert. Dennoch geht in den Fällen, die Sie schildern, meistens etwas schief. Warum?

Oft beginnt es mit der Geburt von Kindern. Bis dahin verlaufen die Karrieren meist gleich. Doch sobald die Partner zu Eltern werden, kommt es zu einer Re-Traditionalisierung der Arbeitsteilung, weil die Frau erst einmal die Berufstätigkeit unterbricht und in Elternzeit geht. Nicht selten ist dann der Wiedereinstieg in den Beruf schwierig, denn es gibt zwar einen rechtlichen Anspruch auf Rückkehr, aber keinen Anspruch auf den identischen Arbeitsplatz. Oftmals gehen die Frauen auch in Teilzeit, und gerade dann kann es sein dass sie, wie eine Befragte einmal sagte, „in die dunkle Kopierkammer“ abgestellt werden. Der Rückschritt, der ja meist auch mit Einkommenseinbußen einhergeht, führt oft zu massiven Frustrationen bei Frauen.

Warum greift das alte Rollenmuster immer wieder, wehren sich die Frauen nicht?
Die wehren sich schon. Es werden ja Absprachen mit den Arbeitgebern bezüglich Rückkehr getroffen. Doch die Präsenz- und Verfügbarkeitskultur in den Arbeitsorganisationen ist ein wesentlicher Grund dafür, dass die nahtlose Fortsetzung der Karriere für Mütter nicht funktioniert. Hinzu kommt eine geschlechtsbezogene Diskriminierung, denn man geht ja davon aus, dass die Frauen, nicht die Männer, eine Pause einlegen. Gleichermaßen wird von den Männern erwartet, dass sie voll zur Verfügung stehen. Es gibt auch Männer in unserem Sample, die unter diesem Erwartungsdruck leiden, weil sie eigentlich mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen wollen und gerne aktive Väter wären.

Der theoretische Hintergrund Ihrer Studien ist das Anerkennungs-Modell von Axel Honneth. Demnach ist Anerkennung durch andere die wesentliche Grundlage unserer Identität. Ihrer Meinung nach verkehren sich heute die Liebesanerkennung und die Leistungsanerkennung. Wie kommt es dazu?
Idealtypisch wird man in der Sphäre der Liebe, also in Paar- und Nahbeziehungen, als ganze Person anerkannt, für ein So-Sein wie man ist. Die Erwerbssphäre dagegen gewährt Anerkennung für Leistung, das heißt nur für Ausschnitte der Person, für bestimmte Fähigkeiten und Eigenschaften. Nun verändert sich aber Erwerbsarbeit, es findet zunehmend eine Entgrenzung von Arbeit und Leben statt, insbesondere bei Hochqualifizierten. Erwerbsarbeit „subjektiviert“ sich, das heißt, den Einzelnen wird Selbstverwirklichung im Beruf versprochen, aber gleichzeitig wird auch von ihnen verlangt, dass sie sich als ganze Person einbringen und voll zur Verfügung stehen. Das kann dann mit der Paarbeziehung in Konkurrenz treten, weil Erwerbstätige die Liebe in der Arbeit suchen, also als ganze Person anerkannt werden wollen.

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