Zahi Hawass : Der Jäger der Nofretete muss gehen

Der ägyptische Archäologe und Minister Zahi Hawass forderte immer wieder die Nofretete zurück. Jetzt wacht er nicht mehr über die Altertümer seines Landes. Was sein Sturz für die Ansprüche auf die weltberühmte Büste bedeutet, bleibt offen.

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Herr der Pyramiden. Als Selbstdarsteller war Zahi Hawass umstritten, doch von Experten werden seine Verdienste um die Rolle der Archäologie in Ägypten gewürdigt. Foto: Laif
Herr der Pyramiden. Als Selbstdarsteller war Zahi Hawass umstritten, doch von Experten werden seine Verdienste um die Rolle der...Foto: /laif

Seit dem 14. Juli ist www.drhawass.com eingefroren: Keine neuen Nachrichten mehr vom obersten Chef der ägyptischen Altertümer. Einen Tag später, am Freitag vergangener Woche, wurde Kulturminister Zahi Hawass von der Kairoer Übergangsregierung entlassen. Das war dem umtriebigen Archäologen und langjährigen Generalsekretär der Altertumsverwaltung kurzzeitig schon einmal widerfahren: Ende Januar war er noch von Mubarak zum Minister für Altertümer ernannt worden. Mitte Februar gab es lautstarke Proteste von Mitarbeitern und Studierenden gegen Hawass. Sie warfen ihm Amtsmissbrauch und Korruption vor. Anfang März wurde er entlassen, Ende März wieder zum Minister ernannt.

Doch diesmal scheint es wirklich nicht weiterzugehen für den 64-jährigen Hawass. Dem „Mubarak der ägyptischen Archäologie“, wie ihn seine Gegner nennen, ist die Nähe zum alten Regime offenbar zum Verhängnis geworden. Doch auch sein designierter Nachfolger im Ministeramt, Abdulfattah al Banna, hat das Feld schon wieder geräumt. Ägyptische Archäologen hatten seine Kompetenz öffentlich infrage gestellt.

Mit Zahi Hawass verlässt eine der schillerndsten Persönlichkeiten der ägyptischen Archäologie und Politik die Bühne, auf der er in vielen Rollen agierte. Mit ledernem Schlapphut trat er gerne als abenteuerliebender „Indiana Jones“ auf, dann wieder als Rächer der Pharaonen oder als Gralshüter des kulturellen Erbes. Dabei war Konfrontation eher sein Mittel als Diplomatie – etwa bei der medienwirksamen Rückforderung der Nofretete. Die angekündigten Beweise, dass es bei der Fundteilung mit deutschen Archäologen seinerzeit nicht mit rechten Dingen zugegangen sei, hat Hawass allerdings nie vorgelegt. Ähnlich agierte er in vielen Fällen, auf große Ankündigungen folgte selten ein entsprechendes Ergebnis.

Weltberühmte Ägypterin. Die Büste der Nofretete wurde 1912 ausgegraben. Sie steht in Berlin in der Ägyptischen Sammlung des Neuen Museums. Foto: Rückeis
Weltberühmte Ägypterin. Die Büste der Nofretete wurde 1912 ausgegraben. Sie steht in Berlin in der Ägyptischen Sammlung des Neuen...Foto: Thilo RŸckeis TSP

Dietrich Wildung, ehemaliger Direktor des Ägyptischen Museums in Berlin, jedoch bedauert Hawass’ Abberufung: „In der gegenwärtigen Situation wären ein wenig mehr Stabilität und Kontinuität – und warum nicht unter Zahi Hawass – wünschenswert, um ein weiteres Chaos zu verhindern“, sagte Wildung am Dienstag auf Anfrage dem Tagesspiegel.

Der Ägyptenexperte plädiert für eine differenzierte Sicht auf Hawass: „Bei uns wurde er ja immer nur als der Mann mit dem großen Hut gesehen, der große Reden schwingt.“ Zweifellos aber habe Hawass das Bewusstsein der Ägypter für ihre glanzvolle Vergangenheit gestärkt. Seine One-Man-Shows in den internationalen Medien, seine wöchentlichen Zeitungskolumnen und seine permanente TV-Präsenz machten ihn zum bekanntesten Gesicht in Ägypten nach Hosni Mubarak. Ebenso unbestritten hat Zahi Hawass den archäologischen Selbstbedienungsladen Ägypten geschlossen und den Wert der Antiken in die Höhe geschraubt. Und als Erfolg kann der Antikenchef die vielen tausend Kunstwerke verbuchen, die er aus Museen weltweit nach Ägypten zurückgeholt hat, weil sie tatsächlich gestohlen waren.

Kulturelles Bewusstsein bei den Ägyptern aber hat auch die ehemalige Generaldirektorin des Ägyptischen Museums, Wafaa el Saddik, geschaffen. Die Zahlen der einheimischen Besucher im Kairoer Ägyptischen Museum schnellten unter ihrer Ägide in die Höhe. Sie schuf ein Kindermuseum und motivierte die völlig unterbezahlten Mitarbeiter. El Saddik schuf kulturellen Mehrwert mit mühsamen Aufräum- und Aufbauarbeiten im völlig heruntergekommenen Hort der ägyptischen Altertümer. Dort lagerten in Kellerräumen die Funde aus den Ausgrabungen der letzten 100 Jahre ohne Inventarisierung, Beschriftung und Bearbeitung. Nur hatte sie nicht die Hawass’sche Omnipräsenz in den Medien.

Aber Hawass war eben auch durchsetzungsstark, sagt Wildung: „Ohne seine rigorose, beinahe brutale Art, durchzugreifen, wäre zum Beispiel die Sphinxallee von Karnak nach Luxor nie freigelegt worden.“ Für die ägyptische Archäologie sei Hawass ein Segen gewesen.

Gleichzeitig aber machte der Chefarchäologe Kollegen das Leben schwer. Niemand grub ohne seine persönliche Genehmigung, stellte einen großen Fund ohne ihn vor. „Wenn ich einen Fehler mache, korrigiere ich ihn nicht“, zitierte die „Zeit“ den Machtmenschen. Ausländische Archäologen, die in Ägypten arbeiten, reagierten stets schmallippig, wenn man sie nach dem obersten Antikenchef fragte. Sie wollten schließlich weiterarbeiten.

Eine Ausnahme machte vor einigen Jahren Dietrich Wildung, der dem Ägypter öffentlich Unwissenschaftlichkeit und Effekthascherei vorwarf. „Daraufhin belegte mich Zahi Hawass jahrelang mit seinem nicht weiter schädlichen Bann und behauptete die wüstesten Dinge über mich“, erzählt Wildung. Doch nach einem Versöhnungabendessen beim deutschen Botschafter in Kairo „tauschen wir regelmäßig zu Weihnachten oder Ramadan Höflichkeiten aus und haben auch fachlich wieder einen guten Kontakt“.

Sprach man auch über die Nofretete, die der deutsche Archäologe Ludwig Borchardt 1912 in Ägypten ausgegraben und nach Berlin gebracht hatte? In den Fachgesprächen sei nie von Nofretete die Rede gewesen, sagt Wildung. Allerdings sei Hawass „immer wieder von deutschen Journalisten mit diesem Thema provoziert worden“. Wildung ist sich sicher: „In Ägypten ist die Restitution der Büste eigentlich nie ein Thema gewesen.“

Der Anspruch auf die schöne Königin manifestiert sich indes schon bei der Einreise. Das Visum, das Einreisende am Flughafen erwerben müssen, schmückt – neben anderen Wahrzeichen Ägyptens – auch die Berliner Nofretete. Und wer demokratiebewegte ägyptische Intellektuelle nach der Rückgabeforderung fragt, erfährt: Hinter der Forderung steht das ganze Volk – nicht nur Hawass.

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