Zeitverträge für Nachwuchswissenschaftler : Was ist bei Befristungen "angemessen"?

Weiterhin keine Mindestlaufzeit: Im Bundestag wurden kleine Änderungen am umstrittenen Gesetz über Zeitverträge in der Wissenschaft beschlossen.

von
Menschen in roten Ganzkörperanzügen mit der Aufschrift Befristet stehen auf einem Platz.
Selten auf Dauer. Anfang November 2015 protestierte die GEW auf dem Pariser Platz in Berlin gegen massenhafte Befristungen in der...Foto: GEW / Kay Herschelmann

Welcher Zeitraum ist angemessen, wenn es um befristete Verträge für Nachwuchswissenschaftler in der Qualifizierungsphase geht? Darüber wird seit Jahren gestritten, die Frage ist einer der Knackpunkte bei der Novelle des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes. Für die einen liegt auf der Hand, dass es hier um die Zeit geht, die für eine Dissertation oder eine Habilitation gebraucht wird – also in der Regel um jeweils mindestens drei Jahre.

Verschiedene Qualifikationen, unterschiedliche Laufzeiten

Sie halten eine entsprechende Mindestvertragslaufzeit für unabdingbar, um Kurzzeitverträgen einen Riegel vorzuschieben. Die anderen, die in der Union und auf Arbeitgeberseite zu finden sind, pochen auf Flexibilität – und kritisieren die Fixierung auf Promotion und Habilitation als Qualifikationsziele in der Wissenschaft.

„Es gibt so viele verschiedene Qualifikationen“, sagt Alexandra Dinges-Dierig (CDU), Hochschulexpertin der Unionsfraktion. So könnten sich Nachwuchswissenschaftler nach der Promotion etwa in der Hochschuldidaktik oder im Wissenschaftsmanagement weiterbilden. Solche Module sind nach ein, zwei Semestern absolviert, dann komme der nächste Karriereschritt, der eine andere Befristung erfordere. Simone Raatz (SPD), Dinges-Dierigs Counterpart in der Aushandlung des Zeitvertragsgesetzes, dagegen hat sich lange für eine Mindestlaufzeit von zwei Jahren eingesetzt. Durchgesetzt hat sie sich nicht. Trotzdem spricht sie jetzt von einem „guten Kompromiss“.

Warnung vor der vagen Formulierung

In den Änderungen zum Gesetzentwurf, die am Mittwoch im Wissenschaftsausschuss des Bundestages beschlossen wurden und mit dem Bundesforschungsministerium abstimmt sind, bleibt es bei der umstrittenen offenen Formulierung: Die Befristung von Verträgen auf sogenannten Haushaltsstellen sollen „dem angestrebten Qualifikationsziel angemessen“ sein. Die zulässige Dauer der Befristung bleibt also Auslegungssache. Experten hatten zuletzt bei einer Anhörung im Ausschuss kritisiert, dass am Ende die Arbeitsgerichte entscheiden müssten.

Schon bei Vertragsabschluss auf Alternativen hinweisen

Dinges-Dierig und auch Raatz setzen nun darauf, dass an Hochschulen und in außeruniversitären Instituten Leitlinien für „gute Arbeit“ in der Wissenschaft greifen. Danach sollen sich Laufzeiten an der üblichen Zeit für eine Qualifikationsarbeit orientieren. „Ich hoffe, dass sich die Hochschulen da ihrer Verantwortung bewusst sind“, sagt Raatz. Dinges-Dierig sieht in den Vertragsgesprächen zwischen Nachwuchswissenschaftlern und Arbeitgebern die erste Gelegenheit, über verschiedene mögliche Qualifikationswege jenseits der Professur zu informieren – flankiert von weiterer Beratung und von Fortbildungen. Vertrauen und Zuversicht also bei den Koalitionspartnerinnen. Der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bleibt das Gesetz an dieser Stelle indes zu unverbindlich, „sture Arbeitgeber“ könnten das ausnutzen.

4 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben