Wissen : „Ziehen Sie die Vorhänge zu“

Neue Studien über die Verbrechen der Wehrmacht zeigen die deutschen Heerführer als willenlose Vollstrecker der Unmenschlichkeit

Konstantin Sakkas

Dass die Wehrmacht nicht „sauber“ war, wissen wir heute. Doch was und wie war sie überhaupt? Die wenigen grundlegenden Untersuchungen, die vor allem in den neunziger Jahren erschienen, steckten das Forschungsfeld ab, ohne es voll ausschreiten zu können. Das ändert sich nunmehr – dank mehrerer Neuerscheinungen. Ihr Interesse gilt vor allem der biografischen Dimension, die von der Sozialgeschichte im Gefolge der Bielefelder Schule lange vernachlässigt wurde.

Der Historiker Sönke Neitzel forderte bereits 1999 eine verstärkte Auseinandersetzung mit der Wehrmachtgeneralität „zwischen Professionalität, Gehorsam und Widerstand“. Sein Mainzer Kollege Johannes Hürter nahm den Ball auf und legte jetzt eine Studie über die Oberbefehlshaber der Heeresgruppen und Armeen an der Ostfront vor. „Hitlers Heerführer“ zeigt: Ob bei der Aushungerung von Leningrad, den Massakern in den Pripjet-Sümpfen oder der Ermordung von 34 000 Juden in Babi Jar: Überall dort residierten Träger altehrwürdiger Namen mit ihren Stäben und sahen den Morden tatenlos zu. „Ziehen Sie die Vorhänge zu!“ – der Ausspruch Feldmarschall v. Bocks gegenüber einem Untergebenen, der ihn auf den Völkermord in unmittelbarer Nähe zu seinem Hauptquartier aufmerksam machte, steht exemplarisch für die moralische Blamage der Führungsschicht.

Klassische konservative Russlandsympathien wirkten dabei ebenso wenig hemmend wie völkerrechtliche oder humanitäre Bedenken. Keine NS-Indoktrination, sondern ein „schrankenloser militärischer Utilitarismus“ bewirkte die „Wandlung von Generalen alter Schule zu Komplizen einer rassenideologischen Raub-, Eroberungs- und Mordpolitik“, so Hürters Erklärung, mit der er die Totalitarismusdeutung Hannah Arendts bestätigt: Denn absolut destruktiv wirkt am Ende nicht Ideologie, sondern jene völlige Ideenlosigkeit, wie sie die Geistesgeschichte der Jahrhundertwende in den Köpfen der jüngsten wilhelminischen Generation hinterlassen hatte.

Von „Feldherren und Gefreiten“ handelt ein von Christian Hartmann herausgegebener Sammelband, der im Dezember erscheint und eine Rundschau über das aufgerissene Forschungsfeld wagt. Am Beispiel Carl-Heinrich v. Stülpnagels, zuerst Oberbefehlshaber der 17. Armee, später Militärbefehlshaber von Frankreich, zeigt wiederum Hürter die Extreme auf, zwischen denen sich seine Protagonisten bewegten. Als Heerführer in Südrussland war Stülpnagel erwiesenermaßen „Antisemit und von der unheilvollen Verbindung zwischen ‚Judentum’ und ‚Bolschewismus’ überzeugt“; drei Jahre später verurteilte ihn der Volksgerichtshof wegen seiner Beteiligung am 20. Juli zum Tode. Beachtung verdient schließlich Bernhard Kroeners Plädoyer für einen „biographical turn“ in der Geschichtswissenschaft, in dem er die „unauflösliche Verbindung von historischem Subjekt und gesellschaftlichen Verhältnissen“ betont.

Diese Verbindung beachtet auch die Studie „Wehrmacht und Niederlage“, in der Andreas Kunz jenes besonders langlebige Klischee auseinandernimmt, wonach die Wehrmacht bis zuletzt mit ungebrochenem Einsatz gekämpft habe. Tatsächlich herrschten Kriegsmüdigkeit und logistisches Chaos. Dass dies im Besonderen für die Phase des Zusammenbruchs zwischen D-Day und bedingungsloser Kapitulation gilt, beweist eine Notiz des Generalstabsoffiziers Prinz von der Leyen: „Der Übergang vom Sinnvollen zum Grotesken wurde täglich sichtbarer.“

Das galt schon im Juni 1944, als die deutschen Weststreitkräfte gegen die hoffnungslos überlegenen angloamerikanischen Invasionstruppen antraten. Erstmals kehrte sich hier Hitlers Vernichtungsfieber nach Westen. Kämpfte die Wehrmacht im Westen einen ritterlichen Kampf? Die Antwort, die Peter Lieb, Historiker an der renommierten Militärakademie in Sandhurst, in seiner Dissertation „Konventioneller Krieg oder NS-Weltanschauungskrieg?“ gibt, fällt komplex aus: Bekannt ist, dass Wehrmacht und Waffen-SS auch in Frankreich Verbrechen an der Zivilbevölkerung verübten, so die SS-Division „Das Reich“ in Oradour-sur-Glane am 10. Juni 1944. Etwa 15 000 Franzosen, so die Schätzung, kamen insgesamt ums Leben, vor allem durch deutsche Repressalien.

Doch dass sich 1944 Wehrmachtsjuristen über den Rechtscharakter von Résistance-Aktionen immerhin Gedanken machten, bezeichnet für Lieb den wesentlichen Unterschied zum Osten, wo Rücksicht und rechtliche Bedenken offiziell gar nicht existierten. Ein Russe, ein jüdischer zumal, galt den Aposteln des Vernichtungskriegs nicht als Rechtssubjekt.

„Wir kommen und schlagen in Scherben ihre alte verrottete Welt“, hatten deutsche Landser im Westfeldzug 1940 gesungen. Dieser antiwestliche Affekt war älter und ursprünglicher als der Hass auf Russland, das einstmals bewunderte Vorbild der Zivilisationsferne. Doch 1944 standen die Dinge anders: Mochten Hitler und seine Propaganda seit der Invasion auch noch so antiwestliche Töne anschlagen – für deutsche Soldaten und ihre Generale blieben die „westlichen Plutokraten“ bis zuletzt Kameraden.

Sowohl Hürter als auch Lieb und Kunz legen großen Wert auf die sozialpsychologische Einbettung ihrer Analyse; umgekehrt fehlt eine eingehende Kontextualisierung von Biografien in keinem der Bücher, wozu ausführliche Anhänge mit vergleichenden Lebensläufen besonders beitragen. Insgesamt zeichnet sich die junge Forschergeneration durch die emotionale Ausgeglichenheit aus, mit der sie sich ans Werk macht.

Ein erschütterndes Hauptergebnis ihrer Untersuchungen: Hitlers höchste Helfer im Militär folgten keinem Idealismus, auch nicht dem falschesten. Sie waren Getriebene, zutiefst unsichere und unselbstständige Charaktere, die an gar nichts glaubten. Nicht brutaler Voluntarismus oder imperialistischer Ehrgeiz, sondern Gedankenlosigkeit und moralische Indifferenz degradierten sie zu den willenlosen Vollstreckern der Unmenschlichkeit.

Alle erwähnten Titel erschienen 2007 im Verlag Oldenbourg (München). Johannes Hürter: Hitlers Heerführer. Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42. Christian Hartmann (Hrsg.): Von Feldherren und Gefreiten. Zur biographischen Dimension des Zweiten Weltkriegs. Andreas Kunz: Wehrmacht und Niederlage. Die bewaffnete Macht in der Endphase der nationalsozialistischen Herrschaft 1944 bis 1945. Peter Lieb: Konventioneller Krieg oder NS-Weltanschauungskrieg? Kriegführung und Partisanenbekämpfung in Frankreich 1943/44.

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