Zigarettenersatz : Das kleinere Übel?

Trotz der bekannten Risiken raucht jeder vierte Deutsche. Experten streiten, ob es sinnvoll ist, Alternativen zur Zigarette anzubieten.

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Päckchenweise Nikotin. Vor allem in Schweden ist dieser, Snus genannte Lutschtabak häufig der Ersatz für eine Zigarette.
Päckchenweise Nikotin. Vor allem in Schweden ist dieser, Snus genannte Lutschtabak häufig der Ersatz für eine Zigarette.Foto: AFP

Nichts sei einfacher, als sich das Rauchen abzugewöhnen, fand der Schriftsteller Mark Twain. Er fügte hinzu: „Ich muss es schließlich wissen, denn ich habe es schon tausendmal getan.“ Der kanadische Gesundheitsforscher Carl Phillips ist überzeugt, dass manch Nikotinabhängiger sich die Mühe sparen kann. „Viele Raucher werden rauchen, bis sie daran sterben, weil sie nicht aufhören werden, wenn sie nur die Wahl haben zu rauchen oder das Nikotin komplett aufzugeben.“ Er glaubt, dass das Prinzip des Alles-oder-Nichts in der Tabakentwöhnung einer großen Gruppe von Rauchern Angst macht. „Viele von ihnen könnten wahrscheinlich dazu überredet werden, auf eine Nikotin-Quelle mit niedrigerem Risiko zu wechseln, und der gesundheitliche Nutzen wäre dann fast genauso groß“, schrieb Phillips im letzten Jahr im „Harm Reduction Journal“.

Gegen „Harm Reduction“, Schadensminderung, kann eigentlich niemand etwas haben. Tatsächlich mindern sich die gesundheitlichen Risiken drastisch, wenn die Nikotinquelle statt einer Zigarette ein Pflaster oder ein Kaugummi ist. „Bis zu 90 Prozent der Erkrankungen, die auf das Rauchen zurückgehen, entstehen nicht durch das Nikotin, sondern aufgrund anderer Schadstoffe", sagt der Arzt Pál Bölcskei, Leiter des Instituts für Raucherberatung und Tabakentwöhnung in München. Rund 4000 Inhaltstoffe enthält der Zigarettenrauch, mindestens 60 davon gelten als gesundheitsschädlich, darunter so furchterregende Gifte wie Arsen, Blei, Dioxin und Formaldehyd. Dabei sind die nur das Beiwerk eines Prozesses, der den Organismus mit dem abhängig machenden Stoff versorgt.

Unter schwedischen Männern ist in den letzten Jahrzehnten eine Art Lutschtabak sehr in Mode gekommen. Gleichzeitig sank in dieser Zeit nicht nur die Raucherquote, sondern auch die Anzahl der Neuerkrankungen an Lungenkrebs. Karl-Olov Fagerström, der in Helsingborg eine Raucherentwöhnungseinrichtung leitet, ist deshalb schon fast zum Propagandisten der „Snus“ geworden, die als Nikotin-Quelle zwischen Oberlippe und Zahnfleisch geschoben werden, keinen gefährlichen Rauch erzeugen und die Umgebung nicht zum Passivrauchen zwingen.

Aber auch in der übrigen EU, wo der Lutschtabak nicht verkauft werden darf, wird inzwischen weniger geraucht: Waren im Jahr 1992 laut Statistischem Bundesamt noch fast 29 Prozent der Deutschen Raucher, so lag die Quote im Jahr 2009 bei 25,7 Prozent. Der Konsum ging von 146,1 Milliarden Stück auf 86,6 Milliarden Stück im Jahr zurück.

Stattliche Zahlen sind das immer noch, vor allem, wenn man bedenkt, dass das Rauchen nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation die größte Einzelgefahr für die öffentliche Gesundheit darstellt. Und dass praktisch alle Erwachsenen heute wissen, welche Gefahren der Griff zur Zigarette birgt. Weshalb Raucher wie weiland Mark Twain immer wieder neue Anläufe machen, sich ihr „Laster“ abzugewöhnen – und immer wieder entmutigende Rückfälle erleben.

Wäre es nicht besser, es wenigstens halb zu schaffen - statt gar nicht? „Es gibt kaum jemanden, der nicht Zug um Zug mit dem Rauchen aufhören kann, wenn er die richtige Hilfe dabei findet“, sagt Bölcskei. Er findet es deshalb falsch, sich vom Ziel des „Nullkonsums“ zu verabschieden. Raucher, die es schaffen, von 30 Zigaretten auf zehn oder nur fünf zu kommen, beglückwünscht er zwar. Doch er gibt zu bedenken, dass sie den einzelnen Glimmstängel dann meist besser „ausschöpfen“, indem sie tiefer ziehen und länger inhalieren. „Bei Stress steigt der Konsum außerdem schnell wieder.“ Auch die Kaugummis und Pflaster sind in seinen Augen selten eine Dauerlösung: „Wir haben bisher keine absolut harmlose Alternative zum Nichtrauchen.“

Nikotinersatzprodukte wie Pflaster, Kaugummis, Tabletten oder Nasensprays sind heute neben verhaltenstherapeutischen Methoden fester Bestandteil des Entwöhnungsprogramms. Sie sind gewissermaßen die Krücken, an denen der Mensch gehen kann, bis seine neue Identität als Nichtraucher gefestigt ist.

„Wir geben die Nikotinpräparate über relativ lange Zeiträume“, sagt der Psychologe Michael Heidler vom Vivantes-Institut für Tabakentwöhnung und Raucherprävention. Heidler empfiehlt, sie in den ersten ein bis zwei Jahren immer dabei zu haben, „für Situationen, in denen einen das Rauchverlangen wieder packt.“ Unter den Teilnehmern des Instituts ist das seiner Auskunft nach nur bei einer Minderheit der Fall: „Wir schaffen es, dass nach einem Jahr über die Hälfte der Teilnehmer nicht mehr rauchen und auch keine Nikotin-Produkte mehr brauchen.“ Wissenschaftlichen Studien zufolge sind Verhaltenstherapien in Verbindung mit den Nikotin-„Krücken“ am erfolgreichsten.

Inzwischen gibt es sogar eine „elektronische Zigarette“, mit Nikotin-Patrone, Zerstäuber und Batterie, die den begehrten Stoff ohne Verbrennungsprozess freigibt. Sie müsste deshalb eigentlich auch im Restaurant oder im Flugzeug erlaubt sein. Heidler würde allerdings nicht zuraten: „Als Psychologe bin ich Verfechter von Varianten des Nikotinersatzes, die nicht so sehr ans Rauchen erinnern. Mancher trockene Alkoholiker kommt auch über die Fassbrause wieder zum Bier.“

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