Zoologie : Schimpansen üben Selbstbeherrschung

Affen lenken sich mit Spielen ab, um der Versuchung zu widerstehen

Michael Hopkin

Schimpansen, denen es schwer fällt, große Mengen an Nahrung zu sammeln, lenken sich bewusst ab, um der Versuchung zu widerstehen, die gesammelte Nahrung auf einmal aufzuessen, haben Forscher herausgefunden. Ihre Studie zeigt, dass Affen, ähnlich wie Kaufsüchtige, die darum kämpfen, der Anziehungskraft von Kaufhäusern zu widerstehen, eine Ablenkung begrüßen, die den Impuls zu essen unterdrückt.

Forscher der Georgia State University in Atlanta gaben vier Schimpansen einen Plastikbehälter, an den ein Schlauch angeschlossen war, durch den der Behälter langsam mit Süßigkeiten gefüllt wurde. Ein Öffnen des Behälters unterbrach den Zufluss jedoch. Die Schimpansen durften den Behälter beobachten, aber nicht berühren. Dadurch lernten sie, dass sie umso mehr Süßigkeiten bekommen würden, je länger sie warteten.

Aber wie die meisten von uns wissen, ist Selbstbeherrschung gar nicht so einfach. Studien mit Menschenkindern haben ergeben, dass ein durchschnittliches fünfjähriges Kind nur selten in der Lage ist, auf Süßigkeiten zu verzichten, selbst wenn ihm bei einem Verzicht mehr Süßigkeiten zu einem späteren Zeitpunkt versprochen werden.

Die Forscher aus Georgia, Theodore Evans und Michael Beran, vermuteten, dass es den Schimpansen leichter fallen würde, den Süßigkeiten zu widerstehen, wenn ihnen eine Auswahl an Spielzeugen und anderen Ablenkungsmöglichkeiten zur Verfügung stünde. "Wir wählten eine Reihe von Gegenständen aus, von denen wir wussten, dass sie sie interessierten", erklärt Evans. "Sie putzen sich zum Beispiel gerne die Zähne. Wir gaben ihnen Zeitschriften, damit sie sich die Bilder anschauen konnten, und sie haben Spaß an Klett- und Reißverschlüssen und ähnlichen Verschlussmechanismen, die sie auseinandernehmen können."

Die Schimpansen widerstanden den sich ansammelnden Süßigkeiten länger, wenn sie Zugang zu den Spielsachen hatten. Das beweist, dass Spielen sie tatsächlich vom Essen ablenkt.

Außerdem spielten sie eher mit den Spielsachen, wenn sie Zugang zu den Süßigkeiten hatten, als wenn diese zwar sichtbar, aber hinter einer Barriere versperrt waren. Das lässt vermuten, dass sie die Spielsachen bewusst als Ablenkung benutzten und nicht nur aus Spaß an der Freude. Die Ergebnisse sind nachzulesen in Biology Letters (1).

Leicht abzulenken

"Ich war etwas überrascht", sagt Evans. Er habe erwartet, dass die Spielsachen die Affen ablenken würden, aber er hätte nicht gedacht, dass die Schimpansen sie zu diesem Zweck benutzen würden.

Doch wie bei den Menschen auch, scheint solche Weisheit mit dem Alter zu kommen. Die beiden älteren Schimpansen der Gruppe - Lana, ein 36-jähriges Weibchen, und der 33-jährige Sherman - widerstanden den Süßigkeiten im Durchschnitt länger: bis zu 18 Minuten. Die jüngeren Schimpansen dagegen - die 21-jährige Panzee und Mercury, ein ein Jahr jüngeres Männchen - hielten weniger lange durch, manchmal nur dreißig Sekunden, bevor sie sich über die Süßigkeiten hermachten.

Das sei immer noch bemerkenswert im Vergleich zu anderen Spezies, bemerkt Evans. Tauben, Ratten und auch einige Affenarten können nur für wenige Sekunden von den Vorzügen der Genügsamkeit überzeugt werden, bevor sie ihrem Verlangen nach Nahrung nachgeben.

Ihre Impulse zu kontrollieren, kann für die Schimpansen in der freien Natur hilfreich sein, wenn sie nach den besten Nahrungssammelplätzen suchen, fügt Evans hinzu. "Selbstbeherrschung könnte mit ihrer Ernährungsweise zusammenhängen - sollen sie jetzt und hier diese Nahrung zu sich nehmen, oder sollen sie lieber weitersuchen und vielleicht woanders leckere Früchte finden?", erklärt er.

Schimpansen, die in der Gruppenhierarchie weit unten rangieren, müssen oft warten, bis sie an der Reihe sind, sich die besten Früchte auszusuchen, sagt Brian Hare vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Vielleicht hilft ihnen die selbstgewählte Ablenkung, die Zeit besser zu überbrücken. In seiner eigenen, noch unveröffentlichten Studie hat Hare herausgefunden, dass Schimpansen die geduldigsten Primaten sind, die er je untersucht hat - Menschen eingeschlossen.

(1) Literatur: Evans, T.A. & Beran, M.J. et al. Biol. Lett. Doi:10.1098./rsbl.2007.0399 (2007).

Dieser Artikel wurde erstmals am 22.8.2007 bei news@nature.com veröffentlicht. doi:10.1038/news070820-4. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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