Zoologische Gärten : Notausgang zur Natur

Freiheit oder Tiergarten? Warum Zoos sinnvoll sind - auch wenn sie die freie Wildbahn nicht ersetzen.

Mathias Orgeldinger

Zoos sind wieder in der Diskussion. Kurz nachdem die Eisbärin „Vilma“ im Nürnberger Tiergarten ihre zwei Jungtiere totgebissen hatte, forderten Tierschutzverbände einen Stopp der Bärenhaltung. Zoologische Gärten stehen in der Kritik. Der Mensch habe kein Recht, die Tiere einzusperren und wie in einem Gefängnis zu halten, sagen die Kritiker. Aber können wir unseren Freiheitsbegriff einfach auf andere Lebewesen übertragen?

Der Große Tümmler ist im Grunde ein ganz normales Säugetier. Dennoch gibt es kaum ein anderes Lebewesen, das in den letzten Jahrzehnten so vermenschlicht, idealisiert und vergöttert wurde, wie der „Flipper“. Haustiere sind dieser Gefahr immer ausgesetzt, müssen zuweilen sogar menschliche Sozialpartner ersetzen. Doch die Vereinnahmung des Wildtieres Delfin übersteigt langsam das menschliche Maß. Es wird zum „Einstein der Meere“ und zum „Heilsbotschafter der Natur“ hochstilisiert, zur esoterisch angehauchten Verkörperung von Freiheit, Harmonie und Glück.

Doch nur, weil Delfine im antiken Griechenland – ihrem angeborenen Verhalten folgend, Neugeborene an die Wasseroberfläche zu bringen – Schiffsbrüchige gerettet haben, nur weil sie, um Energie zu sparen, auf der Bugwelle unserer Schiffe reiten, nur weil sie neugieriger sind als andere Meeressäuger und das erwachsene Tier zufällig in unser Kindchenschema passt, dürfen wir noch keine Artverwandtschaft zwischen Mensch und Delfin konstruieren.

Zumal die biologische Wirklichkeit ernüchternd ist. Trotz zahlloser Experimente fand man keine Anzeichen für Sprachvermögen oder eine außergewöhnliche Intelligenz. Delfine sind Raubtiere und als solche genauso „friedliebend“ wie Wölfe oder Löwen. Große Tümmler töten Jungtiere der eigenen Art. Junggesellenbanden von Flaschennasendelfinen rauben die Weibchen anderer Gruppen und vergewaltigen sie.

„Lasst sie doch einfach Tiere sein, wie es Robben auch sind“, forderte der ehemalige Duisburger Zoodirektor Wolfgang Gewalt in einem Artikel über „Die heiligen Kühe der Meere“ in der Wochenzeitung „Die Zeit“. Haben wir vergessen, was Menschen und Tier unterscheidet?

Gewiss, die Trennung ist stammesgeschichtlich unmöglich und angesichts einer großen Ähnlichkeit mit den Großen Menschenaffen unscharf. Dennoch, isoliert aufgezogene Schimpansen erkennen nicht einmal ihr Spiegelbild. Nur wenn sie unter Artgenossen aufwachsen, entwickeln sie ein begrenztes Selbstbewusstsein, das gegenseitige Hilfe, Sich-Verstellen und Mitleiden ermöglicht.

Trotzdem ist die Kluft zum Menschen noch gewaltig. Neben dem Sprachvermögen und damit der Fähigkeit, Wissen zu tradieren und über abstrakte Begriffe zu reflektieren, fehlt es allen Tieren an der Vergegenwärtigung der Zeit.

Nur der Mensch könne künftige Bedürfnislagen zum Motiv seines Handelns machen, sagt der Psychologe Norbert Bischof. Wenn ein Eichhörnchen Nüsse für den Winter sammelt, folgt es einem angeborenen Verhaltensmuster. Nur der Mensch kann, jenseits aktueller Bedürfnisse, beliebige Zeitpunkte aus Vergangenheit und Zukunft für sein gegenwärtiges Handeln heranziehen.

Diese Erkenntnis hat weitreichende Folgen für die ethische Rechtfertigung der Zootierhaltung. „Delfine leben nur in der Gegenwart, sie haben nicht die geistigen Fähigkeiten, um in die Zukunft zu schauen oder so etwas wie einen Freiheitsdrang zu entwickeln“, sagt Niels van Elk, Präsident der European Association for Aquatic Mammals.

Und dies gilt ebenso für alle anderen Zootiere, die Großen Menschenaffen vielleicht ausgenommen. Viele sind ohnehin im Tierpark geboren oder leben Tausende von Kilometern von ihrem natürlichen Lebensraum entfernt. Mit anderen Worten: Die Großen Tümmler wissen nicht, dass sie eingesperrt sind, und sie besitzen auch kein Abstraktionsvermögen, dass ihnen die Unterscheidung zwischen einem Betonbecken und dem offenen Meer erlauben würde.

Das historisch bedingte Bild vom Zoo als Tiergefängnis beruht auf einer unzulässigen Verallgemeinerung des menschlichen Freiheitsbegriffs. Zwar sind die Tiere eingesperrt, doch leiden sie, sofern die Mindestanforderung an eine artgerechte Haltung erfüllt ist, subjektiv nicht unter ihrer räumlichen Gefangenschaft.

Woher wir das wissen? Nun, die Tiergartenbiologie ist eine Erfahrungswissenschaft. „Viele der ungefährlichen Tierarten wie Antilopen, Hirsche, Totenkopfaffen oder Zebras könnten ihr Gehege jederzeit verlassen, wenn sie wollten“, erklärt Helmut Mägdefrau, stellvertretender Direktor des Tiergartens Nürnberg. Ein Känguru springe jedoch nur in außergewöhnlichen Situationen über die Absperrung, etwa wenn ein Fuchs naht.

Die meisten Zootiere, die ausgebrochen sind, versuchen, auf dem schnellsten Wege wieder in ihr Territorium zurückzukommen. „Zootiere suchen nicht Freiheit, sondern Sicherheit“, sagt der Nürnberger Tiergartenchef Dag Encke.

Der Mensch jedoch erforscht sein ganzes Leben lang seine Umgebung, weshalb die Freiheit zu seinen höchsten ideellen Werten zählt. Das Verhalten von Tieren erfüllt jedoch stets eine biologische Funktion. „Wenn der Tiger die Wahl hätte, würde er im Freiland ein kleines Revier wählen, das er in einer Nacht kontrollieren könnte“, sagt Encke. Wo immer Tiere weite Strecken zurücklegen, tun sie dies nur, um ausreichend Nahrung oder einen passenden Sexualpartner zu finden. Nur der Mensch läuft einen Triathlon „just for fun“.

Die freie Wildbahn ist ohnehin eine Illusion. Reviergrenzen oder vorgegebene Wanderrouten schränken den Bewegungsspielraum von Tieren in einem Maße ein, der wenig mit dem menschlichen Begriff von Freiheit zu tun hat. Ein männliches Rotkehlchen kann sein Revier kaum ein paar Meter verlassen, ohne von seinem Rivalen attackiert zu werden. „Die Tatsache, dass ein Nürnberger im Hamburger Hauptbahnhof ohne Belästigung aus dem ICE aussteigen kann, ist eine Errungenschaft unserer Kultur“, sagt der Zoo-Vize Mägdefrau.

Es ist das Verdienst des Schweizer Zoodirektors Heini Hediger, dass das Gehege in ein bedürfnisgerechtes Territorium umgebaut und so die Vorstellung vom Zoo als Menagerie oder Zwinger überwunden wurde. Der Ethologe erkannte, dass man die Grundbedürfnisse eines Tieres wie Nahrungsaufnahme, Brutpflege, Komfort-, Sexual- und Territorialverhalten auf engstem Raum befriedigen kann, ohne dass es zu psychischen oder körperlichen Schäden kommt.

Mit Hediger verschwand die Einzeltierhaltung zugunsten des natürlichen Sozialverbands. Der Begründer der modernen Tiergartenbiologie formulierte ein Zookonzept, das noch immer gilt. Darin wird der Tierpark als Erholungsraum und „Notausgang zur Natur“ definiert, in dem die Bereiche Bildung, Forschung und Naturschutz zusammengeführt werden.

Moderne Zoos sind Kultureinrichtungen, in denen die Artenvielfalt erforscht und bewahrt wird. Viele Menschen nehmen sie aber einzig als Ort der Unterhaltung und Entspannung wahr. Eine der Gründe für diese Schieflage ist der in Deutschland so typische Dualismus zwischen Kultur und Natur. Ein Opernbesuch ist ein kulturelles und gesellschaftliches Ereignis, in den Tiergarten dagegen geht man nicht der Bildung wegen. Sondern allenfalls, um seinen Kindern Elefanten oder Giraffen zu zeigen. Entsprechend werden die Fördergelder verteilt.

Zootiere werden nie ihr gesamtes Verhaltensrepertoire ausreizen können, aber was sie an Einzelverhaltensweisen zeigen, ist identisch mit dem, was sich in freier Wildbahn beobachten lässt. Und selbstverständlich kann man im Tiergarten nicht erforschen wie ein Delfin jagt, und welche Fischarten er konsumiert. Dafür gibt es eine Vielzahl von ethologischen, physiologischen und veterinärmedizinischen Daten, die man in ihrer Kontinuität und Vollständigkeit nur im Delfinarium ermitteln kann. Erst die Zusammenschau von wild- und zoobiologischen Erkenntnissen versetzt uns in die Lage, bedrohte Tierarten zu erhalten.

Noch steht der Große Tümmler nicht auf der roten Liste der bedrohten Arten. Doch an ihm können wir vieles über verwandte Delfinarten lernen, die kurz vor dem Aussterben stehen und die durch spezielle Schutzmaßnahmen oder als letzten Ausweg durch Erhaltungszucht in Menschenhand gerettet werden könnten. Warum sollten wir auf diese Option verzichten, indem wir Delfinarien schließen oder ihren Ausbau verhindern?

Selbstverständlich sollte der Naturschutz oberste Priorität haben. Aber können wir ihn in fremden Ländern durchsetzen? Können wir ausschließen, dass die letzten ihrer Art durch Umweltverschmutzung, Wilderei oder Naturkatastrophen zugrunde gehen? Warum nicht zweigleisig fahren und den unmittelbaren Kontakt mit Zootieren nutzen, um Spenden für den Schutz ihrer natürlichen Lebensräume zu sammeln? „Es gibt keinen besseren Botschafter für die Meere als den Großen Tümmler“, sagt Lorenzo von Fersen, Vorsitzender von „yaqu pacha e.V.“, der sich dem Schutz wasserlebender Säuger in Südamerika verschrieben hat.

Zootierhaltung um jeden Preis? Nein, die artgerechte Tierhaltung sollte schon oberste Richtschnur sein. Dabei darf es nicht verwundern, dass die Biologen manchmal uneins sind, was unter „artgerechter Tierhaltung“ zu verstehen ist. Freilandforscher legen hier teilweise andere Maßstäbe an als Tiergärtner, denen Raum und Geld nur begrenzt zur Verfügung stehen.

Außerdem leben Tiere einer Spezies oft in unterschiedlichen Lebensräumen: Der Große Tümmler kommt im offenen Meer vor, kann aber auch in der Sarasota-Bucht in Florida leben, die maximal acht Meter tief und zu einem Viertel sogar nur 1,5 Meter tief ist. „Dort gibt es nichts als Sand“, berichtet Mägdefrau. „Wenn die Delfine eine leere Cola-Dose zum Spielen finden, können sie sich glücklich schätzen.“

Apropos Glück. Im Gegensatz zu ihren frei lebenden Artgenossen sind Zootiere weitgehend von Parasiten und Infektionskrankheiten befreit, wie überhaupt von allen anderen – nach unseren Maßstäben – so grausamen Selektionsmechanismen der Natur. Wenn der Tierarzt gut arbeitet und die Sozialgruppe passt, fühlen sich Zootiere wohl.

Beim Bewerten von Kriterien für artgerechte Haltung hilft es, wenn man sich vor Augen führt, wie stark die Selbstdomestikation des Menschen schon vorangeschritten ist. Die Kluft, welche einen modernen Großstädter von einem Jäger und Sammler in Papua-Neuguinea trennt, ist größer als die zwischen einem Delfin in Menschenobhut und einem frei lebenden Tier. Wer diese Art von Freiheit nicht für sich selbst fordert, sollte sie auch nicht auf Tiere projizieren.

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