Zukunft der Exzellenzinitiative : Exzellenz für alle ist keine mehr

Auch der neue Elitewettbewerb braucht Leuchttürme, schreibt Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Humboldt-Universität, in einem Gastbeitrag. Er plädiert für die Schaffung "nationaler Exzellenzzentren".

Jan-Hendrik Olbertz
Das Hauptgebäude der Humboldt-Universität, eine Ampel auf der anderen Straßenseite steht auf Rot.
Grünes Licht für eine zweite Runde? Die Humboldt-Universität errang 2012 den Exzellenztitel. HU-Präsident Olbertz macht sich für...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Wie geht es weiter mit der Exzellenzinitiative? Diese Frage treibt zur Zeit viele Universitäten um. Die Politik muss sich deshalb dringend darüber klar werden, ob sie tatsächlich weiterhin international sichtbare Spitzenforschung in Deutschland fördern will. Zweifel daran sind angebracht, wenn man von einer Förderung der Spitzenforschung „in der Breite“ hört. „Exzellenz für alle“ ist eine paradoxe Vorstellung. Der Exklusivitätsanspruch exzellenter Forschung ist vollkommen legitim – er ist sogar konstitutiv für Programme zur Förderung von Spitzenforschung.

Exzellente Forschung auf internationalem Niveau erreichen und halten wir in Deutschland auch weiterhin nur durch den Umbau universitärer Strukturen, mit denen flexibel und zügig auf neue Trends und Herausforderungen von Wissenschaft und Gesellschaft reagiert werden kann. Diesen Fokus setzt die dritte Förderlinie „Zukunftskonzepte“. Sie ist der Nukleus der ganzen Exzellenzinitiative. Erst diese Förderlinie hat dazu geführt, dass die deutsche Öffentlichkeit von „Exzellenz-Universitäten“ und „Leuchttürmen der Wissenschaft“ spricht. Wer die Förderlinie „Zukunftskonzepte“ nach 2017 nicht mehr will, kann die Exzellenzinitiative insgesamt einstellen.

Zukunftskonzepte erhalten - und acht bis zehn Jahre fördern

Die beiden anderen Förderlinien – „Exzellenzcluster“ und „Graduiertenschulen“ – sollten dann besser in die Hände der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gelegt werden. Sie fördert ohnehin nichts anderes als exzellente Forschung. Und was unterscheidet ein Exzellenzcluster von einem DFG-Sonderforschungsbereich oder eine Graduiertenschule von einem DFG-Graduiertenkolleg? Fast nichts.

Ein Porträtbild von Jan-Hendrik Olbertz.
Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Humboldt-Universität.Foto: Imago

Mitte April hat sich die Regierungskoalition geeinigt, die Fortführung der Exzellenzinitiative zu finanzieren. Im Frühsommer sollen die ersten Konzepte vorliegen. Ich plädiere sehr dafür, dass weiterhin ein Wettbewerb um die besten Zukunftskonzepte stattfindet, denn adäquate Steuerungsmechanismen und Infrastrukturen im Rahmen einer zeitgemäßen „Governance“ gehören nun einmal zum Arrangement von Spitzenforschung an Universitäten.

Darüber hinaus sollten in einer neuen Exzellenzinitiative die Förderzeiträume auf acht bis zehn Jahre ausgedehnt werden. Das System muss aus der gegenwärtigen „Kurzatmigkeit“ herausgeführt werden und über längere Zeiträume seine Potenziale entfalten können, als in kurzen Zyklen immerfort mit neuen Formaten konfrontiert zu werden.

Fünf bis sieben große Netzwerke um eine oder mehrere Unis

Wie könnten also Szenarien für eine modifizierte Neuauflage der Exzellenzinitiative – unter Einschluss der Zukunftskonzepte – aussehen? Erstens sollte überlegt werden, welche in den letzten Jahren gewachsenen interdisziplinären Forschungsnetzwerke und Schwerpunkte das Potenzial für nationale Exzellenzzentren hätten. Auf diese Weise könnten fünf bis sieben große Netzwerke jeweils um eine oder mehrere benachbarte Forschungsuniversitäten gefördert werden. Natürlich würden hier die erfolgreichen Universitäten, die sich mit ihren Zukunftskonzepten durchgesetzt haben, die besten Anschlussmöglichkeiten bieten. Sie müssten sich allerdings erneut in einem Wettbewerb behaupten.

Eine Förderlinie auch für mittelgroße Landesuniversitäten

Als zweite Förderlinie kämen regionale Exzellenzcluster in Betracht, die sich um bestimmte Themenkomplexe herum an mittelgroßen Landesuniversitäten mit besonderem Forschungsprofil herausgebildet haben. Gemeinsam mit ihren Partnerinstitutionen haben sie schon heute nennenswerte Netzwerke gebildet, die einer längerfristigen Konsolidierung und Förderung bedürfen. Auf diese Weise könnte man auch erreichen, dass die Mehrheit der Länder – wenn nicht alle – an einer neuen Exzellenzinitiative partizipieren; ihre Zustimmung in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern (GWK) wäre gewiss. Zugleich läge darin ein reizvoller Stimulus für die Landesregierungen, im Schulterschluss mit den betreffenden Universitäten Schwerpunkte zu setzen, die im Wettbewerb bestehen können.

Spitzenforschung mit herausragender Lehre verbinden

Darüber hinaus muss eine Neuauflage der Exzellenzinitiative vor allem der Lehre mehr Aufmerksamkeit widmen. Ohne den Nachweis, wie Spitzenforschung mit herausragender Lehre in Verbindung gebracht wird, ist wissenschaftliche Exzellenz an Universitäten nicht vorstellbar. Eine Universität, die die besten Köpfe für sich gewinnt, muss auch dafür Sorge tragen, dass die Studierenden ihnen begegnen und von ihnen lernen.

Schließlich wäre in jeder denkbaren Konstellation einer künftigen Exzellenzinitiative sicherzustellen , dass Kriterienbildung und Vergabeentscheidungen wie bisher in einem ausschließlich wissenschaftsgeleiteten Verfahren erfolgen. Gerade dieses Prinzip der deutschen Exzellenzinitiative hat international viel Anerkennung gefunden.

Der Autor ist Präsident der Humboldt-Universität.

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