Zukunft der Gesundheit : Diabetes nicht schicksalhaft ausgeliefert

Wissenschaftler untersuchen die Wechselwirkung von Nahrungsmitteln und der Aktivität der menschlichen Gene.

Christiane Löll
Stichhaltig. Eine Krankenschwester piekst in den Finger, um Blut für eine Messung des Insulinwertes zu bekommen.
Stichhaltig. Eine Krankenschwester piekst in den Finger, um Blut für eine Messung des Insulinwertes zu bekommen.Foto: picture alliance / dpa

Horrorvision oder Chance auf ein gesünderes Leben? Menschen gehen in den Supermarkt, und wissen genau Bescheid, welche Lebensmittel ihren individuellen Erbanlagen und ihrer Gesundheit gut tun. Sie greifen zu Packungen, deren Inhalt zu ihrem persönlichen Gen- und Biomarkerprofil passt. Alles andere lassen sie links liegen….

Wissenschaftler bezweifeln, dass es jemals soweit kommt. Aber einen Schritt in diese Richtung wollen sie allemal gehen. „Wir sind in unseren Ernährungsempfehlungen noch etwas schlicht gestrickt, wir empfehlen in der Regel praktisch allen Menschen das gleiche“, sagt beispielsweise Andreas Pfeiffer, Professor am Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam-Rehbrücke. Also mehr Kohlenhydrate als Fett, ausreichend Eiweiß, mehr ungesättigte als gesättigte Fettsäuren – unabhängig vom Alter, und ob jemand krank oder gesund ist.

Am DIfE beschäftigen sich Arbeitsgruppen unter anderem mit der Wechselwirkung von Nahrungsmitteln und der Aktivität der menschlichen Gene. Dieser Bereich der Forschung wird Nutrigenomik genannt. „Man hat jahrelang sehr intensiv geforscht und viel Geld dafür ausgegeben, auslösende Gene für Krankheiten wie Diabetes zu finden“, sagt Professor Hans-Georg Joost, Wissenschaftlicher Direktor des DIfE. „Inzwischen ist man etwas ernüchtert. Es ist klar, dass die Anlage für Typ-2-Diabetes vererbt wird. Aber man kann davon ausgehen, dass es nicht das „eine Gen“ als Auslöser gibt, sondern zahlreiche Genvarianten miteinander zusammen hängen und sich gegenseitig beeinflussen. Ebenso spielen auch andere Faktoren wie die Ernährung eine wesentliche Rolle.“

Andererseits gebe diese Erkenntnis ja auch Hoffnung: „Das bedeutet nämlich, dass wir Krankheiten wie Diabetes nicht schicksalhaft ausgeliefert sind, sondern selbst einiges tun können.“ Noch komplexer wird die Lage bei der Suche nach Ursachen für das Metabolische Syndrom, einem Mix aus veränderten Blutfettwerten, erhöhtem Blutzucker und Blutdruck, sowie Übergewicht.

Doch welche Empfehlungen soll man geben? Während bei dem einen diese oder jene Diät die Zuckerkrankheit positiv beeinflusst, haut sie bei dem anderen gar nicht hin. Unter anderem nehmen eineiige Zwillinge an Studien teil, um die individuellen Unterschiede auf die Ernährung begründen zu können. So auch in der NUGAT-Studie am DIfE, die von Pfeiffer geleitet wird.

Bislang wurden etwa 40 Zwillingspaare einbezogen, die sich mehrere Wochen auf verschiedene Art ernähren sollen. „Sie ernähren sich erst sechs Wochen lang so, wie es von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlen wird“, sagt Pfeiffer. Dann verändern die Forscher das Verhältnis von Fett und Kohlenhydraten in Richtung Fett – also der Ernährungsstil, der als weit verbreitet in Deutschland gilt und als ungesünder angesehen wird. Dabei wird aber die Kalorienanzahl nicht verändert, die Probanden sollen nicht ab- oder zunehmen. In einer dritten Phase sollen dann noch mehr Eiweiße und Ballaststoffe auf den Tisch kommen – als Variante eines noch gesünderen Ernährungsplans. Beispielsweise schreiben Wissenschaftler Ballaststoffen positive Effekte auf die Insulinwirkung zu.

Zu mehreren Zeitpunkten müssen sich die Zwillinge dann Tests unterziehen, etwa einem Glucose-Toleranztest und Blutuntersuchungen auf Verdauungshormone. Außerdem wird in einem Kernspin-Gerät der Fettgehalt des Körpers und der Leber ermittelt. Die Forscher entnehmen auch ein wenig Fettgewebe, und untersuchen die Aktivität und Regulation Tausender Gene darin. Bis zum Abschluss der Studie sollen noch 20 Zwillingspaare gefunden werden.

„Wir haben dennoch schon einige hochinteressante Ergebnisse“, berichtet Pfeiffer. So veränderten beispielsweise Gene, die für den Tagesrhythmus des Stoffwechsels zuständig seien, ihre Funktion je nach Ernährungsstil. „Das heißt, sie adaptieren sich sehr schnell an die Art, wie man isst.“ Pfeiffers Team beleuchtet auch bestimmte Immun- und Entzündungsmarker näher, die in Zusammenhang mit Stoffwechselkrankheiten gebracht werden. „Wenn man den Luxus hat, dem Körper genug Energie zugeführt zu haben, wird das Immunsystem zur Abwehr hochgefahren“, sagt Pfeiffer. Führt zu viel Energie durch Nahrung also zu einem Zuviel an Aktivierung der Körperabwehr?

Unter anderem fielen Pfeiffer und Kollegen bestimmte Interleukine oder ein Zytokin auf. Während die Interleukin 6-Spiegel bei den Zwillingspaaren bei gleicher Ernährung verschieden reagierten, so hatten die Zwillinge bei einem bestimmten Zytokin jeweils den gleichen Spiegel im Blut. Abschließende Interpretationen dieser vorläufigen Ergebnisse müssen aber noch folgen.

Rund 40 Gene sind nun identifiziert, die in Zusammenhang mit Diabetes stehen, sagen Experten. Und sie geben die Suche nach weiteren auch nicht auf, sagt Joost. Auch am DIfE wird daran weiter geforscht.

Augenmerk richten die Stoffwechselexperten auch auf das Eiweiß Adinopektin, das im Fettgewebe produziert wird. Es verbessert den Angaben zufolge die Empfindlichkeit der Leber und der Fettzellen auf Insulin. Insulin wiederum schleust Glucose in die Zellen ein, weil sie dort gebraucht wird. Dadurch verschwindet die Glucose aus dem Blut, und der Blutzuckerspiegel passt sich an. Das Bestimmen von Adinopektin im Blut ist noch nicht in die klinische Routine eingezogen, wird aber in der Forschung bearbeitet. „Wir müssen jedoch noch herauskriegen, wie genau die Synthese des Eiweißes reguliert wird, und wann der Wert steigt oder sinkt“, sagt Joost.

Joost und Kollegen des Universitätsklinikums Tübingen sind außerdem bei ihren Forschungen auf das Eiweiß Fetuin A gestoßen, das in der Leber produziert wird. Dieses erhöht die Resistenz der Zellen gegenüber Insulin und lässt bei Nagetieren die Entzündungszeichen ansteigen. Menschen mit Metabolischem Syndrom hätten dieses Eiweiß beispielsweise vermehrt im Blut, es könnte womöglich als Risikofaktor für Herzkreislauferkrankungen angesehen werden. „Aber auch da: Der endgültige Beweis, dass Fetuin A direkt die Symptome beziehungsweise Erkrankungen verursacht, steht noch aus.“

Laut Joost gibt es durchaus schon kommerzielle Anbieter von Ernährungsberatungen, die auf der Bestimmung von Genvarianten des einzelnen Kunden beruhen. „Ich muss aber sagen, die Aussagekraft dieser Gentests entspricht der eines genetischen Horoskops. Ob es eines Tages wirklich zuverlässige, personalisierte Ernährungsempfehlungen geben wird, die auf einer Genanalyse beruhen, wird die Zukunft zeigen.“

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