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Zukunft der Gesundheit : Verlieren, festhalten, forschen

09.06.2011 02:00 Uhrvon
Hilfe von Angehörigen. Die Wissenschaft wird sich verstärkt auch der Versorgungsforschung widmen. Foto: picture-alliance/ gmsBild vergrößern
Hilfe von Angehörigen. Die Wissenschaft wird sich verstärkt auch der Versorgungsforschung widmen. - Foto: picture-alliance/ gms

Demenzen und andere neurodegenerative Erkrankungen sind in unserer alternden Gesellschaft zu Volksleiden geworden.

So traurig der Hintergrund auch sein mag, manche dieser Geschichten sind auch ein wenig amüsant: Wo denn der Dritte bleibe, fragt zum Beispiel der an Alzheimer erkrankte Vater seinen Sohn, der ihm am Morgen die Strümpfe zum Anziehen reicht. Der österreichische Schriftsteller Arno Geiger erzählt in seinem Bestseller „Der alte König in seinem Exil“ sehr anrührend von seinem Vater, dessen Orientierung sich durch eine Demenzerkrankung allmählich auflöst. Situationskomik und Sprachwitz liegen dabei dicht neben tiefer Trauer: „Es ist, als würde ich dem Vater in Zeitlupe beim Verbluten zusehen.“

Ein Gefühl, das Millionen Menschen in aller Welt teilen dürften, die wie Arno Geiger Angehörige von Demenzkranken sind.

Allein in Deutschland leben 1,2 Millionen Erkrankte, in den kommenden Jahrzehnten wird die Zahl weiter wachsen. Doch wo und wie leben sie? Darum hat sich die Spitzenforschung bisher noch wenig gekümmert. Im langfristig angelegten krankheitsbezogenen Kompetenznetz Degenerative Demenzen, das das BMBF seit dem Jahr 2007 fördert, spielt die Versorgungsforschung dagegen eine der Hauptrollen. Drei Zuwendungen über rund 4,2 Millionen Euro gehen allein an den Verbund Epidemiologie. Hier werden auch die Patientendaten aus dem Kompetenznetz Demenzen weiterverfolgt, das sich seit 2002 besonders der klinischen Forschung widmete.

„Medizinische Hauptversorger von Demenzkranken können aufgrund der großen Zahl von Betroffenen nur Hausärzte sein, und das sowohl im ganz frühen Stadium als auch später, wenn die Betroffenen überwiegend in Pflegeheimen leben“, sagt der Psychiater Wolfgang Maier von der Uniklinik in Bonn, Sprecher des krankheitsbezogenen Kompetenznetzes Degenerative Demenzen. Auch die Versorgung in den Familien und in den Alten- und Pflegeheimen liege für die Forschung noch im Dunkeln, moniert Maier. „Dabei entscheidet sich hier das Schicksal der Menschen.“

Maier leitet die German Study on Ageing, Cognition and Dementia in Primary Care Patients (kurz: AgeCoDe), in deren Rahmen auch ein Score entwickelt wird, der es mit einfachen Mitteln erlauben soll, eine Demenz über die kommenden vier bis fünf Jahre vorherzusagen. Die Studie wird bis 2013 laufen, sodass am Ende eine Beobachtungszeit von zehn Jahren erreicht ist.

Eine Untersuchung, die Hendrik van den Bussche und seine Arbeitsgruppe vom Institut für Allgemeinmedizin der Uniklinik Hamburg-Eppendorf im Rahmen des Kompetenznetzes und in Zusammenarbeit mit der Gmünder Ersatzkasse (GEK) und dem Zentrum für Sozialpolitik (ZeS) der Uni Bremen durchgeführt haben, beschäftigt sich mit „Inanspruchnahme und Kosten der ärztlichen und pflegerischen Versorgung von Patienten mit degenerativer Demenz in der GKV“. Sie zeigt, dass heute bei der großen Mehrheit der Patienten mit neu diagnostizierter Demenz nicht gründlich nach den Ursachen gesucht wird. „Und rund zwei Drittel von ihnen bekommen im ersten Jahr nach der Diagnose keine demenzspezifischen Medikamente“, sagt van den Bussche. Die Studie wird in Zusammenarbeit mit dem ZeS, der BARMER GEK und der Jackstädtstiftung in Wuppertal fortgeführt.

Mit Medikamenten kann das Leiden bisher nicht geheilt, doch zu Beginn etwas verzögert werden. Ein weiterer wichtiger Forschungsschwerpunkt ist deshalb selbstverständlich die biologische Forschung. Bewusst trägt das neue Kompetenznetz nicht Alzheimer im Titel. Denn die nach dem Neurologen Alois Alzheimer benannte Krankheit ist nicht die einzige, die zu Gedächtnisverlusten, Persönlichkeitsveränderungen und dem Schwinden zahlreicher intellektueller Fähigkeiten führt.

Mindestens ein Drittel der Demenzerkrankungen hat andere Ursachen. „Viel zu wenig erforscht ist beispielsweise der Bereich der Demenzen, die auf Veränderungen im Frontalhirn zurückgehen“, sagt Maier. Ein anderes wichtiges Thema sind Demenzen, die auf eine Parkinsonerkrankung zurückzuführen sind.

Wann wird man Alzheimer und andere neurodegenerative Erkrankungen endlich wirkungsvoll mit Medikamenten bekämpfen können? Im Rahmen der Fördermaßnahme „Innovation in der Medikamentenentwicklung“ unterstützt das BMBF derzeit auch ein Projekt mit 1,5 Millionen Euro, das helfen soll, unter der Fülle der möglicherweise wirksamen Substanzen die hoffnungsvollsten Kandidaten schneller herauszufischen. Geleitet wird es vom Biologen Till Mack, der in der AG Neurodegeneration & Interventionsstrategien am DZNE-Magdeburg arbeitet. Es ist Teil des im Jahr 2009 gegründeten Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, das seinen Hauptsitz in Bonn hat. Mack und seine Kollegen Andrea Robitzki aus Leipzig, Andreas Schober aus Ilmenau und Holger Althaus aus Magdeburg haben die neue Methode des impedanzbasierten Multi Array Screening (kurz: IMAS) entwickelt.

„Unsere Methode misst, vereinfacht ausgedrückt, im Laborversuch elektrische Eigenschaften von lebenden Hirnzellen und erfasst, wie sie sich durch verschiedene Wirkstoffe verändern“, erläutert Mack. In die Hirnzellen werden vorher per Gentransfer Gene eingeschleust, die bekanntermaßen mit Alzheimer in Beziehung stehen. „Im Gegensatz zu bisherigen Modellen stellen sie die sehr komplexe Pathologie der Erkrankung innerhalb der Beobachtungszeit realistisch nach“, sagt der Biologe. Auf einer Mikrotiterplatte, die die Forscher selbst entwickelt haben, können jeweils bis zu 96 Gewebeproben oder dreidimensional wachsende Zellkulturen platziert werden, die mit ebenso vielen Wirkstoffen gleichzeitig in Kontakt gebracht werden. Weitere Platten mit 384 Elektroden sind bereits entwickelt. Am Computer beobachten die Forscher in Echtzeit, ob die getesteten Substanzen eine schützende Wirkung auf die Alzheimer-gefährdeten Hirnzellen ausüben. Dann, wenn ein hoffnungsvoller Arzneimittel-Kandidat gefunden ist, müssen weitere Tests, Tierversuche und im besten Fall auch klinische Studien folgen. Die Forschergruppe vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen will helfen, in diesem langwierigen Ablauf wertvolle Zeit einzusparen. „Wir betrachten unsere Methode des Vorscreenings als einen Filter, mit dem die Medikamentenentwicklung beschleunigt werden kann“, sagt Mack.

Für Arno Geigers Vater und Millionen anderer Betroffener werden solche Mittel, sollten sie eines Tages entwickelt werden, auf jeden Fall zu spät kommen. Fortschritt bemisst sich aber auch in einem veränderten Blick auf die Erkrankung. „Es ist eine seltsame Konstellation“, schreibt Arno Geiger über die Besuche bei seinem Vater. „Was ich ihm gebe, kann er nicht festhalten. Was er mir gibt, halte ich mit aller Kraft fest.“

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