Zukunftsforschung : Wie Vertrauen und Zuversicht innovatives Zukunftsdenken fördern

Die Zukunft ist seit jeher eine Projektionsfläche für die Hoffnungen und Pläne der Menschen. Zu viel Angst blockiert unsere Kreativität.

Reinhold Popp
Was kommt? Was bleibt? Was geht?
Was kommt? Was bleibt? Was geht?Foto: Science Photo Library

„Natürlich interessiert mich die Zukunft. Ich will doch schließlich den Rest des Lebens in ihr verbringen.“ (Mark Twain)

Seit Jahrtausenden ist die Zukunft eine Projektionsfläche für die Ängste, Hoffnungen und Pläne der Menschen. Zur Reduktion der Ängste, zur Bekräftigung der Hoffnungen und zur Optimierung der Planungskompetenz wurde in der Menschheitsgeschichte eine beachtliche Menge von Methoden entwickelt. Man denke etwa an das Orakel von Delphi, die Astrologie, die Prophetie, die Utopie oder die politische und militärische Strategie.

Auch im heutigen Alltagsleben spielt das Zukunftsdenken eine wichtige Rolle. Denn fast alle persönlichen Entscheidungen gehen von mehr oder weniger gut durchdachten Meinungen über die Chancen und Risiken im zukünftigen Spiel des Lebens aus. Dabei stellen sich drei zentrale Zukunftsfragen: Was kommt? Was bleibt? Was geht? So muss etwa bei der Partnerwahl geklärt werden, ob und wie sich zwei Menschen eine gemeinsam gestaltete Zukunft vorstellen können. Auch die Frage, wo und wie wir wohnen wollen, erfordert eine Vielzahl von vorausschauenden Überlegungen. Ebenso denken die meisten Menschen bei den Zielen der Kindererziehung oder bei der Planung der Berufs- und Bildungslaufbahn über die zukünftig erforderlichen Kompetenzen nach. Immer wichtiger wird auch die Vorsorge für die finanziellen Rahmenbedingungen im Alter.

Aber nicht nur im individuellen Leben, sondern auch im institutionellen Alltag der Politik und der Wirtschaft ist das Zukunftsdenken fest verankert. Denn in den Plänen und Programmen von Unternehmen, politischen Parteien und Regierungen spiegeln sich deren Annahmen über die Herausforderungen in der Welt von morgen und übermorgen wider.

Ist die Zukunft planbar?

Das menschliche Zukunftsdenken wird freilich niemals nur von den Ergebnissen rationaler Analysen, sondern unvermeidlich auch von Emotionen, unbewussten Motiven und moralischen Haltungen beeinflusst.

Im allergrößten Teil der Menschheitsgeschichte dominierte der Glaube an eine vom Schicksal und von göttlichen Mächten gesteuerte Zukunft. Seit Beginn der Neuzeit trat die Vorstellung in den Vordergrund, dass die Zukunft planbar und gestaltbar ist. Das heutige Verständnis von Zukunft ist also das Resultat der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, technischen und politischen Wandlungsprozesse der vergangenen fünf Jahrhunderte. Im Zusammenhang mit dieser gestaltungsorientierten Sichtweise gewann die Wissenschaft eine wachsende Bedeutung.

Mit der Entwicklung der modernen Wissenschaft ist auch die systematische Suche nach Verfahren für die Produktion von Prognosen verbunden. Präzise Prognosen sind jedoch nur dann möglich, wenn man bei einem Forschungsgegenstand alle Faktoren und deren Wechselwirkungen kennt. Deshalb lassen sich etwa die Konstellationen der Planeten langfristig vorhersagen. Wetterprognosen treffen dagegen deshalb nur kurzfristig zu, weil mehrere Faktoren nicht genau genug bekannt sind. Das Wetter ist ein relativ komplexes System, aber die Systeme der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Politik sind um ein Vielfaches komplexer. Deshalb können die Sozial- und Wirtschaftswissenschaften niemals prognostizieren, wie die Zukunft wirklich wird.

Zu viel Angst blockiert die Kreativität

Aber aus der interdisziplinären Analyse der historischen Entwicklung und der gegenwärtigen Ausprägung der gesellschaftlichen, ökonomischen, ökologischen, technischen und politischen Wandlungsprozesse lassen sich durchaus plausible Aussagen über die Zukunft des menschlichen Zusammenlebens ableiten, zum Beispiel über die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt, über die Konsequenzen des demografischen Wandels, über die Zukunft unserer Städte oder über die vielfältigen Folgen des Klimawandels.

Häufig werden die Ergebnisse futurologischer Forschungsprojekte in Form von Szenarien, also in Form der Darstellung unterschiedlicher Entwicklungsmöglichkeiten und Handlungsoptionen, zusammengefasst.

Die seriöse Wissenschaft distanziert sich selbstverständlich sowohl vom radikalen Pessimismus der zeitgeistigen Weltuntergangs-Propheten als auch vom undifferenzierten Alles-wird-gut-Optimismus der scheinwissenschaftlichen Megatrend-Gurus.

Die zukunftsbezogene Forschung produziert freilich nicht nur plausible Prognosen, sondern erhebt auch mithilfe von Befragungen, wie sich exzellente Experten oder die Mehrheit der Menschen die Zukunft vorstellen. Gelegentlich werden auch zukunftsweisende Projekte wissenschaftlich begleitet. Außerdem erforscht die Psychologie, wie unser Gehirn zukunftsbezogene Ideen konstruiert. Dabei zeigt sich übrigens, dass Gestaltungswille, Vertrauen und Zuversicht das innovative Zukunftsdenken fördern, während zu viel Zukunftsangst die Kreativität blockiert.

Der Autor ist einer der wenigen Hochschullehrer, die sich systematisch mit den Grundlagen und Grundfragen zukunftsbezogener Forschung befassen. Er leitete renommierte Forschungsinstitute, forscht und lehrt als Gastwissenschaftler am Institut Futur der FU-Berlin und ist Gastprofessor für interdisziplinäre Zukunftsforschung an der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien.

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