Zulauf für den "Islamischen Staat" : „Es beginnt mit einer Identitätskrise“

Der Londoner Terrorexperte Peter Neumann erforscht, warum junge muslimische Frauen und Männer aus dem Westen in den Dschihad ziehen.

Unterwegs ins „Kalifat“. Junge Muslime aus dem Westen glauben, in Syrien an einem historischen Projekt mitwirken zu können. Viele kehren traumatisiert zurück.
Unterwegs ins „Kalifat“. Junge Muslime aus dem Westen glauben, in Syrien an einem historischen Projekt mitwirken zu können. Viele...Foto: Reuters

Herr Neumann, wie verfolgen Sie und Ihre Mitarbeiter Radikalisierungsprozesse?
Viele Ausreisewillige posten in den sozialen Medien über sich und führen Debatten. Dabei beobachten wir sie. Wenn sie im Ausland sind, schreiben sie weiter. Wir haben einen Datensatz mit 550 westlichen Kämpfern aufgebaut. Zweimal haben wir an der syrischen Grenze einige persönlich getroffen.

Wie läuft ein typischer Radikalisierungsprozess ab?

Es beginnt mit einer Lebens- und Identitätskrise. Viele jugendliche Migranten fühlen sich zwischen den Kulturen hin- und hergerissen. Es können aber auch persönliche Enttäuschungen den Ausschlag geben. In so einer Situation ist man offen für neue Ideen, Lebensmodelle und Ideologien. Meistens läuft die Radikalisierung dann über Freunde.

Nicht im Internet?

Peter Neumann (39), leitet das International Center for the Study of Radicalization and Political Violence am King’s College in London. Er hat in Berlin, Belfast und in den USA studiert.
Peter Neumann (39), leitet das International Center for the Study of Radicalization and Political Violence am King’s College in...Foto: Promo

Die persönlichen Kontakte stehen im Vordergrund. Meistens wandern ganze Gruppen von zehn bis zwanzig Leuten aus. Es fängt mit einem oder zwei an. Irgendwann ist der Gruppendruck so stark, dass alle gehen. Wenn die Radikalisierung mehr übers Internet laufen würde, wäre die Verteilung gleichmäßiger.

Die zur Größe der Bevölkerung proportional höchste Zahl an Kämpfern kommt aus Belgien. Warum Belgien?

In Flandern gab es die Gruppe „Sharia for Belgium“. Sie war in drei kleinen Orten aktiv. Aus diesen drei Orten kommen 70 Prozent der belgischen Auslandskämpfer. Es ist eben nicht einfach, bei den Dschihadisten in Syrien und im Irak akzeptiert zu werden. Es hilft, wenn Freunde dort ein gutes Wort einlegen können.

Wodurch unterscheiden sich diese Orte von anderen?

Dafür gibt es keine gute Erklärung. Es liegt nicht an der politischen Situation oder an sozialen Problemen. Die gibt es so auch woanders, wo keine dschihadistischen Zirkel entstanden sind.

Warum zieht es Frauen nach Syrien?

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