Zum Tod von Yehuda Elkana : Vermesser der Wissenschaft

Der Wissenschaftstheoretiker Yehuda Elkana ist im Alter von 78 Jahren in Jerusalem verstorben. Berlin war er als Fellow und Inspirator des Wissenschaftskollegs eng verbunden.

Hannes Klöpper
Yehuda Elkana (1934 - 2012).
Yehuda Elkana (1934 - 2012).Foto: picture alliance / Sueddeutsche

Der 13-jährige Schüler Yehuda liebte die Geografie. Aber im Jugoslawien der frühen Nachkriegszeit gab es keine Landkarten mehr. Gemeinsam mit einigen Klassenkameraden startete der Junge eine Landkartenproduktion, zuerst für seine Schule, dann für die ganze Stadt. 65 Jahre später bezeichnete der Wissenschaftstheoretiker Yehuda Elkana diese Episode bei einem Berliner Vortrag als den Beginn seiner Beschäftigung mit dem Akademischen und dem Administrativen.

Yehuda Elkana wurde 1934 als Sohn ungarischer Juden in Jugoslawien geboren. Während des zweiten Weltkriegs wird er nach Auschwitz verschleppt. Durch glückliche Umstände überleben er und seine Eltern den Holocaust und emigrieren schließlich nach Israel.

Nach dem Studium der Mathematik und der Physik an der Hebrew University promoviert Elkana in den USA und lehrt in Harvard. Doch es ist die Wissenschaftstheorie, die zu seinem Lebensthema werden soll. Sein Aufenthalt als Fellow am Center for Advanced Study in the Behavioral Sciences 1978 in Stanford mündet in die Veröffentlichung von „Toward a Metric of Science“ (Zu einer Metrik der Wissenschaft). Elkana wird Visiting Fellow am All Souls College in Oxford sowie Leiter des Van Leer Jerusalem Institute und des Cohn Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas an der Tel Aviv University.

Sein Wissensverständnis legt Elkana 1981 in einem viel zitierten Aufsatz und 1986 in dem Buch „Anthropologie der Erkenntnis“ dar. Das Wissenschaftskolleg zu Berlin prägt er als Mitgründer und Permanent Fellow bis heute. Von 1995 bis 1999 wirkt er als Professor für Wissenschaftstheorie an der ETH Zürich, von wo er als Rektor an die Central European University in Budapest berufen wird.

In seinem letzten Werk, „Die Universität im 21. Jahrhundert“, verbindet Elkana seine wissenschaftlichen Einsichten mit seiner einschlägigen Lebenserfahrung und entwickelt eine umfassende Reformagenda für das Hochschulwesen.

Yehuda Elkana war nicht allein ein international renommierter Wissenschaftstheoretiker und anerkannter Leiter bedeutender akademischer Institutionen. Er war auch ein großartiger Mentor. Seine Energie und Lebensfreude waren ansteckend. Seine beeindruckende Menschlichkeit und Integrität machten ihn zum Vorbild. Und stets blieb Elkana bemerkenswert unprätentiös. Von einem Referenten mit „Herr Professor Doktor Elkana, es ist uns eine Ehre“ begrüßt, entgegnete er trocken: „Ich bin ein ‚Du’. Ich heiße Yehuda.“

In seiner „Anthropologie der Erkenntnis“ beschrieb Elkana Wissen als „episches Theater“. Für einen der Großen auf der Bühne der Wissenschaft ist nun der letzte Vorhang gefallen. Am 21. September erlag Yehuda Elkana im Alter von 78 Jahren in Jerusalem einem Krebsleiden.

Der Autor hat gemeinsam mit Yehuda Elkana das Buch „Die Universität im 21. Jahrhundert: Für eine neue Einheit von Forschung, Lehre und Gesellschaft“ verfasst, das im Oktober bei der Edition Körber-Stiftung erscheint.

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