Wissen : „Zum Wohle Berlins“

Leibniz-Chef Rietschel: Campus statt „Superuni“

Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner will in einer „Superuni“ Spitzenforscher der Universitäten und der außeruniversitären Institute zusammenbringen. Wie finden Sie die Idee?

Gut, bis auf den Namen „Superuniversität“, denn es geht nicht darum, eine Konkurrenz für die Universitäten zu etablieren, wie die Bezeichnung „Superuni“ suggerieren könnte. Vielmehr soll die geplante übergreifende Struktur die Kräfte der bereits bestehenden Forschungseinrichtungen bündeln zum Wohle Berlins. Allerdings muss der richtige Weg gefunden werden, um das gemeinsame Dach mit Leben zu füllen.

Was schlagen Sie vor?

Die Leibniz-Gemeinschaft schlägt vor, unter diesem Dach mehrere Wissenschafts-Campi zu etablieren. Es würde sich um Forschungsprojekte auf Zeit handeln, um die Wissenschaftler von Universitäten und außeruniversitären Instituten sich gemeinsam bewerben können, nicht anders als um Cluster im Exzellenzwettbewerb.

Hat Zöllners Idee nicht den Vorzug, dass hier feste Strukturen geschaffen würden? Spätere Politiker könnten dieses Institut nicht mehr so leicht abschaffen.

Herr Zöllner hat insofern recht, als dass eine dauerhafte Struktur etabliert werden muss. Das Dach dieses Konstrukts bilden die beteiligten Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Unterhalb des Daches kann es sehr flexibel zugehen.

Inwiefern wäre das Leben für Forscher dort leichter als an der Universität?

Die Forscher könnten auf dem Campus unkompliziert und unbürokratisch zusammenarbeiten. Die Leibniz-Idee wäre, dass auf dem Campus keine Fakultäten und Konvente bestehen, die die Freiheit wissenschaftlichen Handelns einschränken könnten.

Könnte ein loser Verbund von Projekten jemals zu einer international sichtbaren Marke werden, wie Zöllner sie mit der Superuni plant?

Da gibt es keinen Gegensatz. Wenn der Wettbewerb fünf solcher Campi als exzellent identifiziert hat, müssen diese ja gesteuert werden. Das Dach wäre also dauerhaft, wie auch Herr Zöllner es sich wünscht, und getragen von den Präsidenten der Universitäten und der außeruniversitären Institute sowie vom Wissenschaftssenator. Auch der Bund könnte vertreten sein, etwa um über die außeruniversitären Einrichtungen Geld einzuspeisen. Der Knackpunkt ist sicherlich die rechtliche Konstruktion.

Was hätte dieser Campus anzubieten, um ausländische Spitzenforscher zu locken? Könnte er, wie Zöllner es vorschlägt, deutlich höhere Gehälter und eine deutlich bessere Ausstattung anbieten?

Ja, in jedem Fall. Das Dach könnte helfen, beste Rahmenbedingungen zu schaffen, etwa eine hervorragende Infrastruktur – von Großgeräten für die Forschung bis zum Welcome-Service für die Familien der Wissenschaftler.

Mit wie viel Geld würde ein Forschungsprojekt gefördert?

Die Größenordnung läge zwischen einem Sonderforschungsbereich und einem Exzellenzcluster, also bei drei oder fünf Millionen Euro pro Jahr. Für die Universitäten wäre es reizvoll, wenn alle Leistungsdaten einer außeruniversitären Einrichtung in den Campus eingingen, also etwa die Drittmittel und die Publikationen der dann dort arbeitenden Wissenschaftler.

Hätte ein Forschungsprojekt im Wissenschaftscampus auch Doktoranden und Masterstudierende wie die Superuni?

Ja, natürlich, denn die Universitäten wären ja Teil der Campi. Darum gäbe es dort auch Studiengänge sowie Promotionen und Habilitationen durch die auf dem Campus arbeitenden Mitglieder der Universitäten.

Zöllner möchte, dass die Superuni auch die strategische Forschungsplanung für die ganze Stadt macht. Ist das nicht überzogen?

Jede Einrichtung in Berlin hat natürlich ihre Mission. Andererseits ist es fantastisch, wenn die Politik strategische Pläne im Dialog mit der Wissenschaft voranbringen möchte. Wenn das gelänge, wäre das ein neuer Weg, Wissenschaft zu organisieren.

Das Gespräch führte Anja Kühne.

Ernst Theodor Rietschel (66) ist Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, deren Institute Berlins Wissenschaftssenator an der geplanten Superuni beteiligen will.

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