Zur Zukunft des Genitivs : „Die Augen meines Hund“

Wie unentbehrlich ist der Genitiv? Linguisten sehen den Sprachwandel gelassen und entdecken rettende Nischen: Das Apostroph in "Andi's Grillstube" könne sogar hilfreich sein. Und "dem Torwart seine Angst" werde sich nie durchsetzen.

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Menschen stehen vor dem Currywurst-Imbiss Konnopke's in Prenzlauer Berg.
Grammatik ist wurst. Der bekannte Imbiss in Prenzlauer Berg nennt sich selbstbewusst Konnopke’s (im Bild die historische Bude vor...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Zugegeben, es geht dem deutschen Genitiv nicht gut. Sein Niedergang, seit Jahren beklagt, zeigt sich an vielen Beispielen. Verben, die einen Genitiv nach sich ziehen, wie „bezichtigen“, „harren“ oder „gedenken“, klingen veraltet oder sind zu Phrasen erstarrt. Wer wird heute noch ernsthaft sagen: „Ich harre dein“? Präpositionen wie „wegen“ werden mittlerweile auch mit dem Dativ benutzt. Und das Genitiv-s wird nicht selten mit einem Apostroph abgetrennt, etwa auf dem Werbeschild von „Gabi’s Nagelstudio“. Wer den Fehler überhaupt noch bemerkt, dem graust es bildungsbürgerlich. Doch woher rührt der Deutschen weit verbreitete Genitivaversion?

Den „Germanischen Genitiven“ hat die Freie Universität Berlin vor wenigen Tagen eine komparatistische Tagung gewidmet. Sprachwissenschaftler aus acht europäischen Ländern und den USA waren angereist, um zu berichten, wie es dem Genitiv bei ihnen geht. Kurz gesagt: Die Lage ist überall ähnlich, allerdings mit regionalen Abstufungen. Afrikaans, das zur Gruppe der westgermanischen Sprachen gehört, kennt überhaupt keinen Genitiv mehr. Auch im Luxemburgischen ist er nahezu verschwunden. Im Isländischen, das zu den nordgermanischen Sprachen zählt, hält er sich dagegen recht tapfer. Die deutsche Sprache bewegt sich im Mittelfeld. „Morphologisch ist der Genitiv im Deutschen immer noch ziemlich stabil“, sagt Horst Simon, Linguistikprofessor an der FU und Initiator der Tagung.

Meines Mannes: Das Genitiv-s wird noch lange erhalten bleiben

Morphologisch stabil? Gemeint ist, dass sich zumindest die Endungen auf -s und -es beim Maskulinum und Neutrum seit Jahrhunderten halten (die Hose meines Vaters/meines Kindes). „So gesehen ist das Genitiv-s ein stabiler Markierer, es war schon immer da, und es wird vermutlich auch noch lange erhalten bleiben“, sagt Simon. Ganz anders dagegen die Dativendung. Ursprünglich wurde der Dativ nämlich nicht nur durch den Artikel markiert, sondern auch noch durch ein e am Ende des Substantivs. Verloren gegangen ist das Dativ-e vor rund 200 Jahren. In wenigen Ausdrücken ist es noch konserviert: „Im Zuge der Verhandlungen“, „im Bilde sein“, „wie es im Buche steht“. Ansonsten darf es als abgeschafft gelten.

Genauso wie das damals noch durchaus übliche doppelte m bei Artikel und Adjektiv: Man sprach von „dem großem Manne“. Irgendwann hat sich das zweite m abgeschliffen, auch weil es schlicht überflüssig war. Schon aus der Endung des Artikels kann der Adressat den Fall ja klar ablesen.

Was treibt diesen schleichenden Sprachwandel voran? „Die Geschichte der Sprachen bewegt sich in der Diagonale zweier Kräfte“, schreibt Georg von der Gabelentz, einer der Gründungsväter der modernen Sprachwissenschaft, schon Ende des 19. Jahrhunderts. Dem „Bequemlichkeitstrieb“ einerseits, der zur Abnutzung der Endungen führt, und dem „Deutlichkeitstrieb“ andererseits, der die Abnutzung nicht in Zerstörung von Sprache ausarten lässt.

Erste Anzeichen des Abschleifens: "Die Gefahren des Internet"

Sprachgeschichtlich gesehen ist das Genitiv-s also eine Art hartnäckiges Überbleibsel aus der Zeit, als noch alle Kasus mit eigenen Endungen markiert wurden. Nötig ist es eigentlich nicht, denn der Artikel würde theoretisch ausreichen, um die Beziehung der Substantive unmissverständlich abzubilden. „Die Augen meines Hund“ klingt grässlich, ist aber zu entschlüsseln. Und der Blick auf andere germanische Sprachen zeigt ohnehin: Der langfristige Trend geht in Richtung Aufgabenteilung. Hier die Inhaltswörter mit ihren lexikalischen Informationen (Tür, Haus, Maus), die nicht mehr gebeugt werden. Dort die grammatischen Funktionswörter wie Artikel, Präpositionen oder Konjunktionen, mit deren Hilfe die Satzglieder zueinander in Beziehung gesetzt werden. „Auf viele Jahrhunderte gesehen geht man davon aus, dass diese Entwicklung weiter voranschreitet“, sagt Simon. Das wäre langfristig auch das Ende der Genitivendungen.

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