Wissen : Zurück zum Ursprung

Nach dem großen Fälschungsskandal feiern Stammzellforscher wieder Erfolge

Bas Kast

Im September 2005 hatte er auf einer Pressekonferenz in Berlin der ahnungslosen Öffentlichkeit noch das Geheimrezept seines Erfolgs verkündet: „No Sundays“, keine Sonntage, sagte der südkoreanische Stammzellforscher und „König des Klonens“ Woo Suk Hwang damals unverfroren in die Kameras. Nur drei Monate später, im Dezember, stellte sich heraus, dass Hwang alle getäuscht hatte: Er, der behauptet hatte, menschliche Embryonen geklont zu haben, war ein Fälscher. Es war ein Schock – für die Wissenschaft, für Patienten und nicht zuletzt für die Stammzellforscher, die von nun an noch kritischer begutachtet wurden.

Der Rummel um die Stammzellforschung und das Klonen legte sich, es wurde alles etwas ruhiger.

Dabei ist die Forschung weiter vorangegangen – und gerade in letzter Zeit hat es einige Sprünge nach vorne gegeben. Jetzt melden gleich mehrere Fachzeitschriften einen neuen Durchbruch: Zwei Teams ist es gelungen, erwachsene, menschliche Zellen in junge Zellen umzuwandeln, die embryonalen Stammzellen („Ursprungszellen“) sehr ähneln. Damit ist man dem Traum vom „therapeutischen Klonen“ ein Stück näher gekommen – und das ganz ohne die Verwendung von Embryonen.

Ein Ziel der Stammzellforschung ist es, Zellen herzustellen, die im Notfall als „Ersatzteillager“ einspringen können. Beispiel: Bei einem Herzinfarkt stirbt ein Teil des Herzmuskels ab, und dieses Gewebe wächst nicht spontan nach. Das Herz bleibt dauerhaft geschädigt. Hier könnten Ärzte weiterhelfen, wenn sie normale Zellen des Patienten, beispielsweise Hautzellen, nehmen und in Herzzellen verwandeln könnten. Da dieses Gewebe vom Patienten selbst stammen würde, würde es nicht abgestoßen werden.

Das große Kunststück besteht darin, die Hautzellen in Herzzellen zu verwandeln. Um das hinzubekommen, muss die Hautzelle zunächst in eine universelle Ursprungszelle („Stammzelle“) zurückverwandelt werden. Ein Embryo besteht aus solchen unreifen Ursprungszellen, die sich noch in alle Zelltypen, wie Haut-, Herz- oder auch Nervenzellen, entwickeln können. Man spricht von „pluripotenten“ Zellen („Vielkönnern“).

Zwei Forscherteams ist es nun gelungen, solche pluripotenten Zellen aus erwachsenen menschlichen Zellen herzustellen. Ihre Ergebnisse sind online in den Fachmagazinen „Cell“ und „Science“ erschienen. Die Studie in „Cell“ wurde von einem Team um den japanischen Forscher Shinya Yamanaka von der Universität Kyoto erstellt. Die Arbeit in „Science“ stammt aus dem Labor des Wissenschaftlers James Thomson von der Universität Wisconsin in der US-Stadt Madison.

Um die ausgewachsenen Zellen in die jungen Vielkönner zu verwandeln, nutzten beide Gruppen ein ähnliches Verfahren: Mit Hilfe von Viren schleusten sie vier Gene in die erwachsenen Zellen. Die Gene sorgten dafür, dass sich die chemische Uhr der Zellen umkehrte und die Zellen sich in Ursprungszellen zurückverwandelten – embryonalen Stammzellen ähnlich. Und tatsächlich ließen sich die auf diese Weise „verjüngten“ Zellen in alle möglichen Zelltypen verwandeln, etwa in Nervenzellen und auch in Herzzellen.

Theoretisch könnte man die Methode dazu nutzen, um für jeden von uns ein „Ersatzteillager“ bereitzustellen – doch so ganz ausgereift ist die Technik dann doch wieder nicht. Ein gravierendes Problem ist, dass in den „Ersatzzellen“ nicht nur Viren herumschwirren, sondern auch vier extra Gene – und bei diesen Genen handelt es sich zumindest teilweise auch um solche, die bei Krebs aktiviert werden. Für die medizinische Praxis also taugt die Technik noch nicht.

Allerdings: „Mit der gegenwärtigen Geschwindigkeit der Forschung ist es fast undenkbar, dass wir nicht auch einen Weg finden werden, das Gleiche ohne Krebsgene und Viren zu bewerkstelligen“, urteilt der Harvard-Stammzellforscher Douglas Melton. Spätestens dann würde der Wirbel um die Stammzellforschung wohl wieder zurückkehren.

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