Wissen : Zuversichtlich, aber unter Druck

Deutsche Jugendliche blicken optimistisch in die Zukunft – mit Ausnahme der sozial Benachteiligten.

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Vielfältig. Sieben Lebenswelten haben die Forscher in Interviews mit 72 Jugendlichen identifiziert, von „bürgerlich-konservativ“ bis „prekär“. Foto: dapd
Vielfältig. Sieben Lebenswelten haben die Forscher in Interviews mit 72 Jugendlichen identifiziert, von „bürgerlich-konservativ“...Foto: dapd

Nennen wir sie Anna, Tim und Marie. Anna, 17, sagt: „Ich möchte eine Familie, zwei bis drei Kinder, eine schöne Wohnung oder ein Haus. Ich möchte studieren und einen sicheren Job, vielleicht nicht das perfekte Leben führen, aber ein Leben, das für mich Sicherheit und Geborgenheit gibt.“ Tim, 15, hat ganz andere Sorgen: „Ich möchte nicht in Armut leben. Auch nicht von Hartz IV, auf keinen Fall.“ Und die 16-jährige Marie? „Ich will erst mal mindestens zwei Jahre reisen und was erleben. Wenn ich dann wieder da bin, mache ich mir einen Kopf. Ich hab noch gar keine Ahnung, was ich machen will.“

Anna, Tim und Marie, drei Jugendliche, drei Welten. „Die Jugend“ gibt es in Deutschland nicht, lautet das zentrale Ergebnis der neuen Sinus-Jugendstudie, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Wie ticken Jugendliche 2012?, war die Frage, die das Heidelberger Sinus-Institut in Auftrag von sechs kirchlichen und gesellschaftspolitischen Institutionen erforscht hat. Antwort: unterschiedlich. Jugendliche grenzen sich bewusst voneinander ab. Am stärksten von jenen am unteren Rand der Gesellschaft.

Sieben verschiedene „Lebenswelten“ haben die Autoren der Studie in Gesprächen mit 72 jungen Menschen unterschiedlicher Herkunft definiert. Die befragten 14- bis 17-Jährigen äußerten teilweise völlig unterschiedliche Wertvorstellungen und Wünsche zu Themen wie Zukunft, Berufswünsche, Schule und Lernen, Glauben, Engagement und Medien.

Anna gehört zur „konservativ-bürgerlichen“ Lebenswelt, die von traditionellen Werten geprägt ist, Marie zu den „experimentalistischen Hedonisten“, den spaß- und szeneorientierten Nonkonformisten mit Fokus auf dem Hier und Jetzt. Anna und Marie werden umgeben von den „sozialökologischen“ Jugendlichen, die eher sozialkritisch und alternativ sind, und den „Expeditiven“, den erfolgs- und lifestyleorientierten Networkern. Beide kommen, wie auch Anna, aus einem eher bildungsnahen Umfeld. In der Mitte sammeln sich die „adaptiv-pragmatischen“ Jugendlichen, der Mainstream mit hoher Anpassungsbereitschaft. Neben Marie und ihren experimentalistischen Freunden gibt es zudem die „materialistischen Hedonisten“, die aus einer freizeit- und familienorientierten Unterschicht kommen, eher konsumorientiert und markenbewusst. „Die Jugend ist bunt und vielfältig“, fasst Marc Calmbach, Autor der Studie, dieses Potpourri zusammen.

Eines aber haben die Jugendlichen aller Gruppen gemeinsam: Sie empfinden einen extremen Druck und glauben, dass ihr Wert hauptsächlich über ihre Leistungsfähigkeit bemessen wird. Das Gefühl, keine Zeit verlieren zu dürfen und schnell den richtigen Lebensweg einschlagen zu müssen, sei weit verbreitet.

Zu Revoluzzern werden die heutigen Jugendlichen deswegen allerdings noch lange nicht. Sie reagieren darauf eher mit Pragmatismus als mit Protest. Ideologien finden sich selten in den Aussagen, die die Wissenschaftler in den zweistündigen Interviews mit Jugendlichen gesammelt haben. Diese äußerten sich häufig wie „Mini-Erwachsene“ – vernünftig und rational. Der sogenannte „Bewältigungsoptimismus“ sei groß, sagt Autor Marc Calmbach. Die Jugendlichen nähmen das System, wie es ist und rebellierten nicht dagegen. „Sie blicken zuversichtlich in die Zukunft.“

Außen vor bleibt dabei die Gruppe, zu der Tim gehört; Jugendliche, die in der „prekären“ Lebenswelt zu Hause sind. Meist kommen sie aus bildungsfernen Elternhäusern, schämen sich für die soziale Stellung ihrer Familie und empfinden die Gesellschaft als ungerecht. Bei ihnen sei es schwierig, überhaupt eine Begeisterung für irgendetwas zu erkennen. Obwohl die Autoren der Studie auf eine klare prozentuale Verteilung verzichten, ordnen sie etwa sieben Prozent der Jugendlichen in diese Lebenswelt ein.

Ihre Lage ist auch deswegen so prekär, da Anna und Marie mit Tim ganz bestimmt nichts zu tun haben wollen. Jugendliche aus der prekären Lebenswelt werden von den anderen Welten gemieden. „Die Jugendlichen spüren eine Entsolidarisierung und werden vor allem von Jugendlichen aus der Mitte der Gesellschaft ausgegrenzt“, sagt Calmbach. Jugendliche positionierten sich nämlich nicht nur durch das, was sie machen und mögen, sondern in erheblichem Maße durch soziale Abgrenzung von anderen Jugendlichen. „Gerade die bürgerliche Mitte schottet sich massiv ab vom unteren Rand der Gesellschaft“, sagt Calmbach. Vorwürfe seien häufig geringe Leistungsbereitschaft und Wohlstandsgefährdung. Den Hartz-IV-Empfängern werde das Geld hinterhergeworfen, sei unter Jugendlichen in der Mitte der Gesellschaft eine weit verbreitete Aussage. „Politik und Gesellschaft müssen dafür sorgen, dass diese Jugendlichen nicht abgehängt werden“, sagt Calmbach.

Doch auch bei den Jugendlichen in prekärer Lage haben die Wissenschaftler keinen Hang zur Radikalisierung festgestellt. Sie thematisierten gerade soziale Ungerechtigkeiten zwar stärker als die anderen Gruppen, hätten jedoch eine „Durchbeißermentalität“: „Die Jugendlichen versuchen, den Anschluss zu halten“, sagt Calmbach. Sie gingen zwar nicht auf die Straße, richteten sich aber auch nicht auf ein Leben mit Hartz IV ein.

Die viel beschworene Politikverdrossenheit haben die Wissenschaftler nicht gefunden. Die Befragten gaben sich eher leidenschaftslos: Politik und Politiker langweilten sie. Als moderne Sprachrohre wurden häufig Rapper wie Bushido empfunden. Das zeigen auch die Poster in den Jugendzimmern, die die Forscher fotografiert haben. Zudem baten sie die Jugendlichen vor den Gesprächen, ihre Gedanken zu folgenden Themen aufzuschreiben: „So bin ich, das mag ich / Das gibt meinem Leben einen Sinn.“

„Diese Studie zeigt ganz deutlich, dass wir zielgruppenspezifische Ansätze für die Jugendarbeit brauchen“, sagte Heike Kahl, Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, die die Studie gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und verschieden„Den kirchlichen Organisationen in Auftrag gegeben hat. „Oft denken wir nur von der Mittelschicht aus, Jugendliche mit schwierigen Startbedingungen bleiben häufig auf der Strecke.“ Sie betonte die Wichtigkeit alternativer Lernmethoden und Ganztagsschulen. Vielfalt sei schön, sagte auch Thomas Schilling von der bpb, doch sei diese spannungsgeladen. „Wenn der gesellschaftliche Aufstieg für einige nur noch Fiktion ist, dann läuft etwas falsch.“ Sinus 2012 ist die zweite derartige Studie seit 2007. Da damals Jugendliche bis 19 befragt wurden, sind die Ergebnisse jedoch nicht vergleichbar.

Calmbach kündigte an, bis zum Ende des Jahres auch Zahlen vorzulegen. Zwar seien überdurchschnittlich viele Jugendliche unterschiedlichster Herkunft befragt worden, jedoch sei die Studie im statistischen Sinne nicht repräsentativ. Deswegen könne man auch noch nicht genau sagen, in welcher Lebenswelt sich die Großzahl der Jugendlichen aufhält. Fest stehe jedoch: Es gibt viel Bewegung zwischen den Lebenswelten. Das könnte Tim ein wenig Hoffnung geben.

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