Wissen : Zwanzig Stunden Test der Stärken und Schwächen

Der Tagesspiegel

Von Bernd Rasche

Seit den Ergebnissen der Pisa-Studie bekommt auch das Thema Begabtenförderung eine neue Brisanz. Zwar beschäftigen sich Hochschulen in München, Rostock, Marburg oder Berlin mit diesem Thema, doch widmen sie sich vornehmlich der psychologischen Diagnostik begabter Schüler oder bieten bereits Schülern Veranstaltungen auf Universitätsniveau.

In Deutschland einmalig dagegen ist das Internationale Centrum für Begabungsforschung (ICBF) der Universität Münster. Einzigartig ist es schon allein wegen seiner interdisziplinären Ausrichtung mit den Fachbereichen Erziehungswissenschaft, Psychologie und Mathematik/Informatik. Weitere Fächer haben bereits Interesse angemeldet. Da die Universität Münster zu den größten Lehrerausbildungsstätten zählt, kann das ICBF zudem auf ein breit gestreutes Know-how zurückgreifen. Das spiegelt sich auch in der Angebotspalette wider, die alle Schulformen und Altersstufen berücksichtigt: „Mit den Schwerpunkten Begabungsforschung, Begabtenförderung sowie Aus- und Weiterbildung kommen wir den Bedürfnissen hoch begabter Kinder und deren Eltern entgegen“, erklärt der Geschäftsführer Christian Fischer. „Während die anderen Initiativen sich auf die reine Begabtendiagnostik beschränken, bieten wir zusätzlich konkrete Fördermaßnahmen an.“

So können besonders begabte Kinder und deren Eltern eine gezielte Beratung bekommen, wenn etwa die Sprösslinge im Unterricht Anpassungsprobleme wegen Unterforderung zeigen. Ob die Tochter oder der Sohn wirklich zu den geschätzten 10 bis 15 Prozent besonders Begabten zählt, findet die Psychologin des ICBF in einer individuellen Analyse heraus. Auch das diagnostische Ergebnis unterscheidet sich von den üblichen Verfahren: Am Ende des zwischen 12 und 20 Stunden dauernden Tests steht ein Qualifikationsprofil, das nicht einen abstrakten IQ-Wert, sondern einen differenzierten Überblick über Stärken und Schwächen des Schülers gibt. Das ist eine wertvolle Orientierungshilfe für Eltern und Lehrer gleichermaßen. Daran schließen sich konkrete Vorschläge für Fördermaßnahmen an.

Auch wenn dieses Angebot gestaffelt nach dem Bruttoeinkommen der Eltern mindestens 400 Euro kostet, kommen die Eltern aus ganz Deutschland nach Münster. Inzwischen müssen sie sich auf eine halbjährige Wartezeit einrichten, Tendenz steigend. Das Testverfahren hat das ICBF von seinen niederländischen Kooperationspartnern an der Universität Nimwegen übernommen. Diese enge grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit den Kollegen am Centrum voor Begaafheidsonderzoek (CSG) ist ein weiteres Novum des ICBF.

So führen die schon seit 1988 auf diesem Gebiet arbeitenden Niederländer in Nimwegen ein Projekt durch, das heute an 37 Gymnasien läuft. Es gibt überdurchschnittlich begabten Schülern die Möglichkeit, ein erweitertes Studienprogramm, das in den USA erfundene so genannte Drehtürprogramm, zu besuchen. Jeder Lehrer übernimmt in den beteiligten Schulen Tutorenfunktionen für zwei Schüler, die größere Freiheiten in ihrem Unterrichtsablauf erhalten: „Das sieht so aus, dass ein Schüler die Freiheit hat, den Unterricht früher zu verlassen, um in die städtische Bibliothek zu gehen und dort selbstständig und in seinem Tempo weiterzuarbeiten“, erklärt Professor Franz-Josef Mönks, der Leiter des niederländischen Centrums. Am städtischen Gymnasium Nimwegen, das als erste europäische Schule diese Unterrichtsneuerung einführte, nehmen 100 Schüler an diesem Spezialprogramm teil. „Wenn ein Kind sich langweilt, läuft schon prinzipiell etwas falsch im Unterricht“, resümiert Mönks.

Eine weitere Frucht der deutsch-niederländischen Zusammenarbeit ist der erste gemeinsame europäische Master-Studiengang im Bereich der Begabtenförderung: der kostenpflichtige „European Masters Degree in Gifted Education“, der in Nimwegen und Münster mit einem Diplom abgeschlossen werden kann und teilweise in Fernstudieneinheiten aufgeteilt ist.

Neben Eltern, Lehrern und Schülern kommen auch die Studierenden der Lehramtsfächer zum Zuge. „Eine Ausdehnung des Angebots auf weitere Städte ist schon in Planung“, sagt Fischer. Reges Interesses zeigen die Studierenden auch bei der vom ICBF in Kooperation mit dem Institut für Didaktik der Mathematik der Universität Münster veranstalteten „Uni für Kinder - Mathe-Treff“. Hier können mathematisch begabte Kinder der Sekundarstufe I unter der Leitung von Mitarbeitern des ICBF und Lehramtsstudierenden herausfordernde mathematische Aufgaben lösen.

Professor Marianne Grassmann vom Institut für Didaktik der Mathematik kommentiert: „Die Kinder erfahren auf diese Weise eine außerschulische Förderung, und die Studierenden der traditionellen Lehramtsstudiengänge erhalten Anregungen für die Praxis im späteren Umgang mit den Begabten im Unterricht.“

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