Zwillingsstudien : Intelligenz ist erblich
14.01.2012 00:00 UhrDie Aussagekraft von IQ-Tests wird regelmäßig in Frage gestellt. Ein Fehler.
Bewehrt – nicht bewährt – hat sich diese Lüge über die Jahrzehnte vor allem mit dem Standardeinwand: Erblich oder nicht, der IQ sei jedenfalls nichtssagend. IQ-Tests: läppische Spielchen, so aussagekräftig wie Kreuzworträtsel. Auch das ist ein Irrtum, wie jenes Taskforce-Gutachten von 1996 ebenfalls feststellte.
Das Wort „Intelligenz“ ist nicht patentierbar. Jeder mag darunter verstehen, was ihm beliebt. Auch kann niemand sagen, was Intelligenz ist. Aber man kann beobachten und messen, was sie tut, bei dem einen besser, dem anderen schlechter: schlussfolgern, kombinieren, richtige Worte finden, abstrakte Probleme lösen, Wissen erwerben. IQ-Tests wurden zu Anfang des 20. Jahrhunderts erfunden, um den Erfolg in den Schulen der Industriegesellschaften vorherzusagen. Als Messinstrumente wirken sie heute etwas angestaubt, wie alte Barometer, aber den Schulerfolg sagen sie heute so zuverlässig voraus wie damals. Je nachdem, woran man ihn misst, korrelieren IQ-Tests mit ihm bis über 0.70 (1 ist die perfekte Korrelation, 0 gar keine) – was den IQ mit Abstand zum besten Instrument macht, den Schulerfolg vorherzusagen.
Die Korrelation zwischen IQ und Berufserfolg ist weniger hoch (0.20 bis 0.25), und das ist nicht verwunderlich, denn um in einem Beruf zu reüssieren, braucht es noch ganz andere Fähigkeiten als jene abstrakte Problemlösungsfähigkeit, auf die es in den Schulen ankommt. Aber die relativ niedrige Korrelation täuscht über einen Tatbestand von großer gesellschaftlicher Bedeutung hinweg: den Transistoreffekt des IQ. Menschen mit jedem, auch dem höchsten IQ können Hilfsarbeiter werden, und nicht wenige werden es tatsächlich. Aber niemand mit einem niedrigen IQ wird je Physikprofessor. Der Durchschnitts-IQ von naturwissenschaftlichen Akademikern liegt etwa 30 Punkte über dem Durchschnitts-IQ von Packern. Was das bedeutet? Dass sich die modernen Wissensgesellschaften unter anderem nach dem IQ stratifizieren, und zwar alle, die kapitalistischen wie die sozialistischen. In unseren modernen Gesellschaften setzt qualifizierte Arbeit (und das mit ihr verbundene höhere Einkommen und Sozialprestige) einen ausreichend hohen IQ voraus.
Der dritte Grund, warum der IQ nach wie vor nichts Nebensächliches ist, heißt „g“. So nannte Charles Spearman 1904 eine Fähigkeit, die an der Lösung aller irgendwie denkerischen Testaufgaben beteiligt sein muss. Denn alle sind miteinander korreliert: Personen, die bei einem Test gut abschneiden, können in der Regel auch andere Aufgaben gut lösen. Nichts wurde in der Intelligenzforschung jahrzehntelang so verlästert und bekämpft wie dieses g (für general ability, „intellektuelle Grundfähigkeit“). Es hat sich jedoch gut behauptet. Welche Denkaufgaben man auch ersann, sie hörten nicht auf, miteinander zu korrelieren. Ein breit gefächerter IQ-Test stellt höchst unterschiedliche Aufgaben: Man muss rechnen, Bilderfolgen logisch komplettieren, Redensarten erklären, Figuren im Geist drehen, herausfinden, was Katze und Maus gemeinsam haben … Aber alle diese Aufgabenklassen korrelieren. Die biometrische Intelligenz besteht also nicht, wie von vielen erhofft, aus vielen gesonderten, voneinander unabhängigen Spezialkompetenzen, die sich gegenseitig kompensieren könnten. Hinter ihr steht etwas, worauf alle Denkaufgaben angewiesen scheinen, das unheimliche g.







