Zwillingsstudien : Intelligenz ist erblich

14.01.2012 00:00 UhrVon Dieter E. Zimmer

Zahlreiche Studien haben gezeigt: Intelligenz ist erblich. Und je älter Menschen werden, umso größer wird der Einfluss der Gene.

Die Forscher sind dem geheimnisvollen g auf der Spur.

Heute beginnt man gehirnphysiologisch zu verstehen, was dieses ominöse g sein könnte: die Kapazität unseres Arbeitsgedächtnisses, die Fähigkeit, schnell aktuelle Inhalte in diesen „Kurzzeitspeicher“ nachzuladen und überhaupt die Schnelligkeit des Gehirns. Die ganz hohen Erblichkeiten, 80 bis 87 Prozent, ergaben sich, wo man allein diese intellektuelle Hintergrundfähigkeit in Betracht zog.

Die Erblichkeitsberechnung ist keine Geheimwissenschaft. So kompliziert Datenbeschaffung und -berechnung auch sind, den Grundgedanken kann jeder nachvollziehen. Die Grundlage bildet der Vergleich von Verwandtenkorrelationen. Auf die einfachste Methode kam schon 1924 der Berliner Dermatologe H. W. Siemens. Man misst ein Merkmal wie den IQ bei zwei Gruppen von Verwandten: etwa ein- und zweieiigen Zwillingen. Die eineiigen stimmen in ihren Genen zu 100 Prozent überein, die zweieiigen zu durchschnittlich 50. Wäre die Übereinstimmung im IQ bei beiden Gruppen gleich hoch, so hätten offenbar die Gene nichts zu ihrer Ähnlichkeit beigetragen, und die Erblichkeit wäre null. Wenn die eineiigen dagegen genau doppelt so hoch übereinstimmten, wäre die Erblichkeit 100 Prozent. Man berechnet also, wie stark die Ähnlichkeit der eineiigen die der zweieiigen übertrifft. Korrelieren zum Beispiel die eineiigen mit 0.74, die zweieiigen mit 0.39, so lässt das eine Differenz von 0.35. Da auch zweieiige Zwillinge die Hälfte ihrer Gene miteinander teilen, bildet diese Differenz den Effekt der Gene nur zur Hälfte ab. Man muss sie verdoppeln, um zu ihrer vollen Effektstärke zu gelangen. Sie ist die Erblichkeit in ihrem weiten technischen Sinn, 70 Prozent in diesem Beispiel.

Die genauen Zahlen, die bei diesen Untersuchungen für die Erblichkeit der Intelligenz herauskamen, schwankten allerdings. Bis 1975 rechnete man mit bis zu 75 Prozent. Um 1980 schien die Zahl eher zwischen 50 und 60 zu liegen.

Natürlich ist die Erblichkeit der Intelligenz keine Naturkonstante, der man sich durch immer genauere Messungen immer dichter annähern könnte. Sie ist ein empirischer Messwert, der bei jeder einzelnen Studie etwas anders ausfallen wird: Verschieden zusammengesetzte Probandengruppen, verschiedene Messinstrumente, verschiedene Berechnungsmethoden – nie kann bei derlei Untersuchungen genau das Gleiche herauskommen. Aber Unterschiede bis zu 30 Prozent schienen doch ungemütlich hoch und nährten Zweifel an dem ganzen Verfahren.

In den frühen 1990er Jahren aber kamen die Forscher auf den Hauptgrund für die starken Schwankungen. Die meisten IQ-Tests waren Kindern und Jugendlichen gegeben worden, Schülern und Berufsanwärtern. Doch wenn man nur Erwachsene in Betracht zog, ergaben sich andere Zahlen. Zwischen dem siebten und zwanzigsten Lebensjahr nimmt die Erblichkeit erstaunlicherweise zu, und im genau gleichen Maß schrumpfen die Umwelteinflüsse auf die de facto bestehenden IQ-Unterschiede.

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