Wissen : Zwischen Nibelungen und Landeskunde

Der Altgermanist Peter Strohschneider erklärt, was die Germanistik im In- und Ausland stark macht

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Herr Strohschneider, in diesen Tagen trifft sich die Internationale Vereinigung für Germanistik in Warschau. Das Thema des Kongresses lautet „Vielheit und Einheit der Germanistik weltweit“. Gibt es ein großes Thema, das die Germanistik weltweit eint?

Der Reichtum der Wissenschaften steckt ja gerade in der Vielzahl ihrer Themen und Perspektiven. Wohl aber hat die internationale Germanistik, wie die Philologien überhaupt, gemeinsame Interessen und Aufgaben. Dazu gehört gewiss die Sprachenpolitik: die Förderung der deutschen Sprache in den nicht deutschsprachigen Ländern und auch die Pflege des Deutschen als Wissenschaftssprache sind wichtige Themen – auch auf dem Kongress in Warschau.

Im Tagesspiegel hat der Cambridger Germanist Christopher Young eine Kontroverse über den Publikationsfleiß angloamerikanischer und deutscher Germanisten ausgelöst. Die deutschen Germanisten konzentrierten sich zu sehr auf Aufsätze und Projektanträge, anstatt große Monographien zu schreiben. Hat er recht?

Es ist eine Kontroverse vor allem über unterschiedliche Karrierewege und Publikationsmuster. Sie unterschätzt die Differenzen zwischen den verschiedenen Wissenschaftssystemen. Und Christopher Young bleibt meiner Meinung nach eine Antwort auf die entscheidende Frage schuldig: Warum sollte einheitliches Publikationsverhalten in unterschiedlichen Wissenschaftssystemen besser sein als differenzierte Veröffentlichungspraxen?

Wie groß sind die akademischen Mentalitätsunterschiede zwischen den Germanisten in Deutschland, Großbritannien und den USA?

Es gibt große Unterschiede der akademischen Kultur, die nicht allein die jeweilige Germanistik prägen. Das College in der angelsächsischen Welt ist ein Teil des Erziehungssystems, deutsche Universitäten gehören hingegen zum Wissenschaftssystem. Beide haben es mit unterschiedlichen Gruppen von Studierenden zu tun, und das prägt auch die Wissenschaften. ‚Humanities’ im angelsächsischen akademischen Betrieb haben einen direkteren und allgemeineren Bildungsauftrag: Es geht um „educated people“, was immer die dann später auch beruflich machen. Deutsche Geisteswissenschaften werden demgegenüber ausgeprägter über Forschung bestimmt – mit allen Folgen bis hin zu Forschungsformaten, Drittmittelförderung und Publikationsverhalten, die das dann haben mag. Es gibt also Differenzen, aber Differenzen sind ja nichts Schlechtes.

Vermutlich liest jeder Germanistikstudent weltweit Goethes „Faust“ und Kafkas „Verwandlung“ – aber wie ist es um das „Nibelungenlied“ oder den „Eneasroman“ bestellt? Gibt es noch so etwas wie einen universellen, germanistischen Lehrkanon?

Den gibt es zurzeit eher nicht. Das wurde auf der Konferenz in Warschau auch angesprochen. Im Ausland liegt der Akzent der Germanistik häufig auf Sprachvermittlung und Landeskunde. Oft spielen dabei konkrete Berufsperspektiven eine wichtige Rolle. Vielleicht steckt darin aber auch ein Risiko für die Germanistik, und es wäre zu überlegen, wie man Interesse auch für den literarischen Kanon des europäischen Kulturraums und seine globale Prägekraft fördern kann. Übrigens ist die Germanistik vor allem in den USA nach wie vor auch deswegen recht präsent, weil ein Text wie das „Nibelungenlied“ nicht nur in den German Studies unterrichtet werden kann, sondern auch in speziell mediävistischen Programmen, in der Komparatistik oder im Rahmen der Cultural Studies. Die Formen und Kontexte dessen, was wir Auslandsgermanistik nennen, werden vielfältiger.

Die Germanistik hat in den letzten Jahrzehnten auch von Anstößen aus anderen Fachbereichen profitiert, etwa den Gender Studies oder den Film Studies. Hat das zu einer Zerfaserung des Fachs geführt?

Für die Auslandsgermanistik würde ich das nicht sagen. Sehr gute Kenntnis der Fremdsprache Deutsch ist dort eine Zugangsvoraussetzung an den Universitäten. Das hat eine integrierende Wirkung für das, was dann als Germanistik gelehrt wird. Die Germanistik in den deutschsprachigen Ländern ist demgegenüber tatsächlich durch eine wachsende Vielfältigkeit gekennzeichnet. Vereinzelt gibt es auch ein Risiko des Beliebigwerdens. Das macht die Binnenintegration des Faches nicht leichter. Auch das Verhältnis von Literatur- und Sprachwissenschaft müsste wieder intensiver diskutiert werden und ebenso dasjenige von Alt- und Neugermanistik.

Von der DFG geförderte Exzellenzcluster, Sonderforschungsbereiche und Graduiertenkollegs sind meist interdisziplinär ausgerichtet. Führt das zu einem Rechtfertigungsdruck für philologisches Arbeiten?

Auch strenge Textphilologie wird in solchen Formaten oder auch im Akademienprogramm gefördert. Im Übrigen halte ich wenig davon, philologische Einzelforschung gegen kulturwissenschaftliche Verbundforschung auszuspielen. Es braucht beides. Und meine eigene wissenschaftliche Entwicklung, auch die meiner philologischen Interessen, könnte ich mir jedenfalls ohne die Erfahrungen in Sonderforschungsbereichen gar nicht vorstellen.

Seit den 60er Jahren hat die Germanistik zunehmend eine Theoretisierung und Verwissenschaftlichung erfahren. Wo steht die germanistische Literaturwissenschaft heute?

Diese Theoretisierungsschübe haben dazu geführt, dass die moderne Germanistik für andere historisch-hermeneutische Wissenschaften vielfach ausgesprochen attraktiv ist. Und ihre wissenschaftliche Leistungsfähigkeit wird auch international anerkannt. Zugleich hat sie als das zweitgrößte Studienfach in Deutschland erhebliche Probleme auf der Seite der universitären Lehre, weil sie mit einer ungebremsten studentischen Nachfrage konfrontiert ist, für die sie nach wie vor kapazitativ und infrastrukturell überhaupt nicht ausgestattet ist. Diese Lage teilt die Germanistik mit anderen Geisteswissenschaften im deutschen Wissenschaftssystem.

Durch die Studienreformen hat sich auch die universitäre Lehre verändert, germanistisches Wissen muss modularisiert und abprüfbar werden. Widerspricht eine solch systematisierte Strukturierung von Inhalten der Komplexität des Fachs?

Eine durchschaubare Strukturierung ihrer Curricula ist für die Germanistik durchaus wichtig. Das darf allerdings nicht auf kleinteilige ‚Verschulung’ hinauslaufen. Germanistisches Wissen ist systematisch komplexes Wissen und nicht so verfasst, dass man es in beliebig portionierbare und hierarchisierbare Informationseinheiten zerlegen könnte. Was spräche aber dagegen, an sehr großen Instituten wie in München oder Berlin zwei verschiedene Versionen von Germanistik für unterschiedliche Interessen anzubieten? Manche studieren das Fach mit Blick auf außerwissenschaftliche Berufsfelder und wären womöglich für klarere Strukturierungen dankbar. Andere verfolgen wissenschaftliche Interessen und sind gerne bereit, für die dazu erforderlichen Entwicklungsfreiheiten größere Unsicherheiten und höhere Lasten der Selbstorganisation in Kauf zu nehmen. Mit dem Wachstum der Zahl der Studierenden werden auch deren Studienvoraussetzungen und -ansprüche vielfältiger. Darauf könnte die Germanistik konzeptionell reagieren. Und ich denke, sie würde davon auch selbst profitieren.

Die Fragen stellte Anna-Lena Scholz

PETER STROHSCHNEIDER (54) ist Professor für germanistische Mediävistik in München. Seit 2006 ist er Vorsitzender des Wissenschaftsrats

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