Zwischen Sucht und Segen : Wie die neuen Medien auf die kindliche Seele wirken

Digitale Demenz oder alles nicht so schlimm? Eine Fachtagung sucht nach einer unaufgeregten Sichtweise über den richtigen Umgang mit der digitalen Welt.

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Kind mit Smartphone
Unzertrennlich. Manche Kinder kommen kaum noch von Smartphone und Computer los.Foto: dpa

Spielen am Computer, posten und chatten in sozialen Netzwerken: Wenn diskutiert wird, wie die „neuen Medien“ Kindheit und Jugend verändern, scheiden sich die Geister. Die einen freuen sich, dass Onlinespiele geselliger sind als frühere Videospiele, dass Suchmaschinen bereits Kinder zum Recherchieren animieren, und dass Studien Zusammenhänge zwischen feinmotorischem Geschick, Reaktionsvermögen, kognitiven Fähigkeiten und häufiger Nutzung von Unterhaltungsspielen gezeigt haben. Auf der anderen Seite sehen Eltern mit Besorgnis, dass ihre Kinder von Bildschirmen jeder Größe nicht mehr loskommen. Autoren wie der Ulmer Psychiater Manfred Spitzer warnen gar vor der „digitalen Demenz“ einer ganzen Generation.

Jugendliche, die – oft zunächst gegen ihren Willen – mit ihren Eltern in eine kinder- und jugendpsychiatrische Einrichtung kommen, weil es so nicht mehr weitergeht, scheinen den Pessimisten recht zu geben. Diese Minderjährigen waren monatelang nicht in der Schule und haben in ihrer Freizeit nichts mehr „offline“ unternommen. Sie hatten keine Zeit: „Wir haben Kinder in unserer Ambulanz, die in der Woche 60 bis 70 Stunden im Internet unterwegs sind“, sagte Andreas Richterich vom Helios-Josefs-Hospital für Kinder und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie in Bochum. Manche müssen stationär behandelt werden. In der Klinik ist dann lediglich zweimal am Tag für 20 Minuten „Handyzeit“. Fernsehen gebe es nur, wenn sich die Gruppe auf einen Film einigt, berichtete Richterich auf der Fachtagung „Gefällt mir? Die neuen Medien als Herausforderung für die Kinder- und Jugendpsychiatrie“ im Martin-Gropius-Krankenhaus Eberswalde.

Niemals sagen: "Das ist doch nur im Netz!"

Richterich gehört nicht zu denen, die etwa Facebook verteufeln – trotz schlimmer Fälle von „exzessiv-dysfunktionaler“ Internet-Nutzung, bei der alle anderen Entwicklungsaufgaben ungelöst bleiben oder zumindest zeitweise auf Eis liegen. „Ob es uns gefällt oder nicht, wir müssen lernen, die Sichtweise der Jugendlichen wertzuschätzen“, sagte er. Das gilt auch für ihre Verletztheit durch Cybermobbing: „Eltern sollten zu ihrem Kind in einem solchen Fall niemals sagen: Das ist doch nur im Netz. Für das Kind ist die Präsenz in den Netzwerken integraler Bestandteil seiner Selbstrepräsentation.“

Der Sozialpädagoge Tobias Neumann vom Fachbereich Jugend- und Sozialarbeit der Sozial-Diakonischen Arbeit in Schwerin, der das Thema häufig mit Jugendlichen beackert, nimmt es sozialen Netzwerken zwar ein wenig übel, „dass sie den Begriff Freundschaft missbrauchen“. Andererseits seien sie eine großartige Erfindung. Den richtigen Umgang sollte man lehren und lernen.

Ein Spiel unterstützt krebskranke Kinder

Linda Breitlauch von der Hochschule Trier brach eine Lanze für gut gemachte „Serious Games“ wie das mit Unterstützung des österreichischen Unterrichtsministeriums entwickelte Spiel um den Roboter Ludwig, das den Physik-Lernstoff eines ganzen Schuljahres enthält. Oder wie „Re-Mission“, das krebskranke Kinder dabei unterstützt, die Chemotherapie zu verarbeiten: Sie schießen mit Nanofiguren auf die bösen Krebszellen und verschonen die guten Zellen. Sie spielen, um zu leben – nicht umkehrt.

„Der Computer selbst macht Kinder nicht krank“, betonte der Kinder- und Jugendpsychiater Hubertus Adam, der die Eberswalder Klinik leitet. Heranwachsende nutzten ihn oft umgekehrt als eine Art „Selbstmedikation“ gegen bestehende psychische und soziale Probleme. Auf die Dauer verschlimmert das die Probleme: Man lerne so das „Aushalten“ langweiliger oder schwieriger Situationen schlechter, sagte Richterich.

Ungeeignete Lösungsstrategien für seelische Nöte gab es indes schon vor Erschaffung der digitalen Welt. Es bleibt die Frage, ob exzessives Chatten und Spielen im Internet sich langfristig als gefährlicher erweist. Dazu fehlen naturgemäß noch Studien.

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