Der Tagesspiegel : Wissenschaftler aufgewacht!

Claus-Dieter Steyer

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Wenn das kein Zeichen für den Klimawandel ist: Biologen haben gleich neun Libellenarten entdeckt, die bislang ausschließlich am Mittelmeer heimisch waren. Die sensiblen Insekten fühlen sich demnach in der Uckermark oder in der Schorfheide dank der hier gestiegenen Durchschnittstemperaturen genauso wohl wie in Katalonien, Venetien oder Istrien. Auch anderswo verändern sich Flora und Fauna. Steppenwiesen dringen an der Oder vor. Flüsse und Seen trocknen aus. Allein in Nordbrandenburg verschwanden in den vergangenen Wochen 17 größere Gewässer von der Landkarte. Da erscheint es doch ziemlich fragwürdig, wenn einige Experten immer noch von „normalen Temperaturschwankungen“ reden.

Gerade Brandenburgs Bauern hilft das wenig. Sie spüren die Veränderung täglich auf ihren Feldern und Weiden und sehen – wieder einmal – ihre Existenz bedroht. Die Debatten erinnern an den Dürresommer 2003. Auch damals führten uns einige wenige Wissenschaftler vor Augen, wie sich die Landwirtschaft verändern müsste. Vor allem Kulturen, die auch längere Trockenperioden überstehen, sollten die Landwirte anbauen. Der Rat, von den Bauern im Mittelmeerraum zu lernen, stieß auf großes Kopfschütteln. Schließlich stelle der „Jahrhundertsommer“ eine große Ausnahme dar – was sich rasch als genauso falsch wie die Bezeichnung einer „Jahrhundertflut“ 1997 erwies.

Brandenburg muss sich auf die veränderten Bedingungen endlich einstellen. In Potsdam, Golm, Eberswalde und anderswo beschäftigen sich Hunderte von Wissenschaftlern mit Pflanzen, Getreidekulturen und deren Veränderungen. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt für ganz neue Forschungsprojekte. Sie müssten den Bauern, Fischern und Förstern sagen, wie diese auf die Wetterveränderung reagieren sollten. Und mit dem weltweit anerkannten Institut für Klimafolgeforschung in Potsdam liegt die Kompetenz gleich in der Nachbarschaft.

Auch andere Branchen können die Fakten nicht mehr ignorieren. So wird an den gigantischen Ausbauplänen für die Havel und andere Wasserstraßen festgehalten, obwohl schon jetzt die Pegel dramatisch sinken. Wo soll denn bei einem tieferen und breiteren Fluss das Wasser zum Fließen herkommen? Die Libellen aus dem Mittelmeer könnte man als die ersten Boten sehen. Vielleicht sitzen wir tatsächlich bald unter Zypressen, Eukalyptusbäumen oder sogar unter Palmen.

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