Wissenschaftszug : Nicht zurückbleiben, bitte

Beginn in Berlin: Der Ausstellungszug „Science Express“ tourt von heute an durch Deutschland.

Kai Kupferschmidt
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Blick in die Zukunft. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Forschungsministerin Annette Schavan besichtigten zur Eröffnung...

Deutschlands neuestes Museum ist 300 Meter lang und mobil. Für rund 15 Millionen Euro haben das Ministerium für Bildung und Forschung, die Max-Planck-Gesellschaft und zahlreiche Partner aus Wirtschaft und Wissenschaft einen Zug zur fahrenden Zukunftsschau ausgebaut. Gleich im ersten Wagen des „Science Express“ wird der Besucher mit Zukunftsfragen konfrontiert, bangen, optimistischen, unsicheren, begeisterten Fragen: Kann die Erde uns alle ernähren? Wird es in Zukunft noch Krankheiten geben? Kennt bald jeder sein eigenes Erbgut? Die restlichen elf Wagen des Ausstellungszuges sollen Antworten darauf bieten.

Die Namen der einzelnen Wagen klingen zwar, als habe man ein Team „junger Kreativer“ zu einem Brainstorming für Zukunftsparolen eingeladen: „flexibel + digital“ etwa oder „nachhaltig + effizient“. Kleingeschrieben und mit einem hippen Plus dazwischen. Zum Glück bieten die Wagen im Inneren aber mehr als ihre Namen vermuten lassen, viel mehr. Schon das individuelle Design der Wagen lohnt eine Besichtigung.

Im neunten Wagen etwa erwartet den Besucher ein Wald aus Birkenstämmen. Zwei Wagen weiter bilden 1600 Leuchtkacheln einen bunten Tunnel. Und in Wagen Nummer vier, „info + kogno“, prangt auf Boden, Decke und Seitenwänden ein Netz riesiger, schwarzer Nervenzellen. Hier wird die Frage thematisiert, ob das menschliche Gehirn nicht mehr ist als ein intelligenter Computer. Es geht um Gedanken und Maschinen. In Schaukästen sind moderne Roboter ausgestellt. Es gibt Videos und interaktive Exponate, wie zum Beispiel ein Gesicht, das der Besucher ertasten kann, um dann aus drei angebotenen Bildern das richtige auszuwählen.

Wagen Nummer acht beschäftigt sich mit der Frage: „Wie werden wir neun Milliarden Menschen ernähren?“ Eine Anzeigetafel beziffert die ständig wachsende Weltbevölkerung und ihren Bedarf an Wasser und Nahrungsmitteln. Auf einem futuristischen, berührungsempfindlichen Kartentisch kann der Besucher sich über die Ernährungssituation in verschiedenen Teilen der Erde informieren. Ein kleines Modell zeigt eine „vertikale Farm“, ein mehrstöckiges Gebäude, in dem Aquakulturen, Obstplantagen und Wohnräume für 6000 Menschen vorhanden sind.

„Wir glauben, dass vielen Menschen nicht klar ist, wie schnell Forschung passiert“, sagt Andreas Trepte, der bei der Max-Planck-Gesellschaft das Projekt „Science-Express“ leitet. Die Ausstellung solle erklären, was mit dem Wissen, das zurzeit entstehe, in den nächsten Jahren passieren werde. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hob zur Eröffnung des Zuges im Berliner Hauptbahnhof hervor, wie wichtig Naturwissenschaften und Forschung seien. Gerade in Zeiten der Krise müsse man auf Innovation setzen. „Es gibt kein Recht darauf, dass man in der Forschung vorne bleibt.“ Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) betonte, dass der Zug vor allem Schüler für Forschung begeistern soll.

Das lässt sich das Forschungsministerium einiges kosten. Mit rund zwölf Millionen Euro trägt es den Großteil des Budgets. Sollten tatsächlich 200 000 Besucher den Zug besichtigen, wären das immerhin 60 Euro pro Besucher. Mit immensem Aufwand wurden für den „Science Express“ zwölf Personenwagen der Deutschen Bahn aus den sechziger und den achtziger Jahren im Eisenbahn-Ausbesserungswerk Wittenberge umgebaut: Sitzplätze, Abteiltüren und Gepäckhalterung mussten raus, Brandschutz, Klimaanlage, Energieversorgung rein. Das 300 Meter lange Museumsungetüm kann nur an Fernbahnhöfen halten. So wird es wohl auch beim einen oder anderen ICE zu Verspätungen kommen. Aber so viel Zeit muss sein.

Der „Science Express“ soll der Höhepunkt des Wissenschaftsjahres werden und eine Hommage an deutsche Forschung zum 60. Geburtstag der Bundesrepublik. Und er wird wohl nicht nur deutsche Besucher erfreuen. Zur Eröffnung verkündete Schavan es gebe bereits Anfragen aus Polen, Frankreich und China. „Der Zug wird in den nächsten Jahren also weiterrollen“, sagte sie.

Die Max-Planck-Gesellschaft hat gute Erfahrungen mit Ausstellungszügen gemacht. 2007 hatte sie bereits in Indien einen „Science Express“ auf Reisen geschickt. Der Zug legte in 217 Tagen 15 000 Kilometer zurück und wurde von 2,2 Millionen Menschen besucht. „Das war ein überwältigender Ansturm“, sagt Trepte. Mitunter seien 40 000 Leute an einem Tag durch die 13 Waggons geschleust worden. „Die Menschen haben sich auf die Gleise gelegt, um den Zug am Wegfahren zu hindern“, erinnert sich Trepte. Ganz so opferbereit werden sich die deutschen Besucher wohl nicht zeigen, aber ein Besuch im ersten deutschen Wissenschaftsmuseum auf Schienen lohnt sich allemal.

Am heutigen Freitag ist der Ausstellungszug auf Gleis 2 des Berliner Hauptbahnhofs von 9 bis 18 Uhr zu besichtigen. Der Eintritt ist frei. Mehr unter www.forschungsexpedition.de

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