WM 2006 : Pool-Novellen (VII und Schluss)

Der Dramatiker Moritz Rinke hatte sich im deutschen Quartier als Poolwächter beworben – und schon vorher gewusst, wie es dort zugehen könnte

Seit einem Jahr weigere ich mich, die WM als beendet zu betrachten, geschweige denn, Italien als Weltmeister, nein, noch ist niemand Weltmeister, das Endspiel ist für mich noch nicht gespielt, es kommt erst noch, wir träumen weiter.

Gerade in diesen Sommertagen ist es ganz schlimm. Was war das für eine goldene Zeit, die WM! Ich war Poolwächter, ich hatte mich ja im Schlosshotel Grunewald und bei der Fifa beworben, wo die deutsche Mannschaft wohnte, um dann aus dem deutschen Pool vier Wochen Insekten und Blätter herauszufischen und auch die Badehandtücher auszutauschen.

Das Kahn-Handtuch zum Beispiel, mit dem Kahn sich am 10. Juni das Gesicht getrocknet hatte, nachdem er in meinen Pool gesprungen war: Ich habe es immer noch. Ich hatte es mir in die Hose gestopft und vorbei an der Fifa und dem DFB nach draußen ins Leben transferiert, wo es heute hängt. Zu besonderen Anlässen trockne ich mich damit auch schon mal selber ab.

Kann man sagen, dass einen die WM wahnsinnig gemacht hat? Dass wir alle aus der Zeit, aus dem Leben fielen? Und dann aus irgendeinem anderen Raum und einer anderen Zeit Kahn-Handtücher holten und jeder seine Geschichten?

Über die WM reden heute noch viele, sehr viele. Ich ja auch. Die Geschichte mit Asamoah und Marianne Rosenberg! Mein Voodooritual im Geiste Asamoahs für das Schwedenspiel. Und wie dann plötzlich die Spielerfrauen bei mir in den Pool sprangen, speziell diese Geschichte wird immer größer. De facto waren es Carina Schneider, Michaela Nowotny und Petra Frings, aber vor meinem geistigen Auge kam jeden Monat eine dazu, momentan sind wir also mit mir 16. Neulich habe ich erzählt, ich hätte auch Tauchkurse mit Sylwia Klose gemacht. Stimmt nicht. Aber wenn die WM so weitergeht im Kopf, dann kommen auch solche Dinge wie mit Sylwia Klose zustande.

Der Bundespräsident hat die Pool- Novellen geliebt. Das stimmt wirklich. Ich sage dies mit einem gewissen Stolz, auch weil er mir jedes Wort geglaubt hat und mich sogar zur Lesung ins Schloss Bellevue einlud. Dort trug ich Pool- Novelle Nummer 6 vor, das ist die, in der ich Jürgen Klinsmann nach dem Baden ein Badehandtuch reiche und er „Danke, das machst du sehr gut“ sagt. Positives Denken! Plötzlich begann ja das Land, positiv zu denken, weil Klinsmann stereotyp in jeder Lebenssituation positiv dachte, sogar bei der Übergabe des Badehandtuchs am Pool. In der ersten Reihe saß Wolfgang Schäuble, also nicht am Pool, sondern im Schloss Bellevue, daneben Theo Zwanziger, Beckenbauer und Waldemar Hartmann von der ARD. Dahinter sämtliche Polizeipräsidenten der Republik und Generäle aller Bundeswehreinheiten, dazu die Staatskapelle, Malteser Hilfsdienst, Lufthansa und Imbissvertreter der Fanmeile. So ein Publikum hatte ich noch nie!

Theo Zwanziger ist danach aufgestanden und hat mich ins Kuratorium der DFB-Kulturstiftung berufen. Da bin ich jetzt der Jüngste. Man muss sich das vorstellen wie die Académie française, normalerweise kommt man da erst ab 75 rein. Der Hauptsprecher des Kuratoriums bei der konstituierenden Sitzung in Nürnberg war auch mal Fußballspieler, ein feiner, aufschlussreicher Herr. Mit dem werde ich jetzt den DFB revolutionieren. Das stimmt wirklich. Aber ohne meine Arbeit am Pool wäre es nie so weit gekommen. Der Pool in Grunewald war für mich das Sprungbrett, klingt bildlich widersinnig, aber seitdem hört die WM gar nicht mehr auf.

Ich fahr auch mit nach Südafrika. Da kann so viel in den Pool fallen in solchen Ländern, Zwanziger hat mich schon fest eingeplant. Sylwia Klose ist hoffentlich auch dabei.Wir werden schwimmen, wir werden glücklich sein.

Moritz Rinke war Kolumnist der Tagesspiegel-WM-Beilage „11 Freunde täglich“. Heute Abend werden seine „Pool-Novellen“ auf Schwedisch in Malmö gelesen – anlässlich der Schriftsteller-WM, an der auch das deutsche Team teilnimmt, dessen Stürmer Rinke ist.