Der Tagesspiegel : Wo man sich bettet, da gibt man auch was

Familie Klimpel beherbergt Gläubige – und hofft auf Anregungen

Lothar Heinke

Die Quartiersuche für die Besucher des Ökumenischen Kirchentages hat begonnen. Ganze Kirchenvorstände sind in Bewegung, laufen treppauf, treppab, klingeln vielleicht morgen auch an Ihrer Wohnungstür und bitten um Betten, Liegen, Couches für Gäste von außerhalb, die vom 28. Mai bis 1. Juni in Berlin sind. Über 100 000 Christen aller Konfessionen treffen sich zum ersten Male zu solch einem großen Fest der Ökumene . „Ihr sollt ein Segen sein“ ist das Motto – und das gilt auch für jene, die bereit sind, Berliner Gastfreundschaft zu praktizieren.

Zum Beispiel Familie Klimpel aus Lichterfelde. Vor Wochen haben sie in ihrer Gemeinde „Zur heiligen Familie“ einigen Jubel ausgelöst, weil sie die komplette Ferienwohnung aus ihrem Haus mit sieben Betten, Küche und Bad für Kirchentagsgäste zur Verfügung gestellt und dabei sogar als Spender des 888. Betts einen Rundflug mit Berlins Rosinenbomber-Veteran gewonnen haben. Inzwischen melden die Bettenwerber 2300fachen Erfolg, aber 20 000 „private“ Betten sollen es im Ganzen werden; alle anderen Gäste übernachten in Hotels, Jugendherbergen oder in Schulen und Gemeinden.

Corinna und Andreas Klimpel freuen sich „auf wen auch immer“ und möchten dabei nicht nur freundliche Gastgeber sein, sondern erhoffen für sich selbst „Anregungen und Freiräume, neue Gedanken und interessante Gespräche“, wiewohl das vielleicht gar nicht so einfach sein könnte, denn ein Teil der ausländischen Gäste kommt aus Osteuropa, erlebt zum ersten Mal Berlin und hat sicher viele Fragen. Trotzdem hofft Corinna Klimpel darauf, schon vorab die Adressen ihrer Gäste zu erhalten, um Kontakte anzubahnen. Die 30-jährige Einzelhandelskauffrau, ihr Mann Andreas (34) und Baby Benedikt, der am 2. Weihnachtsfeiertag zur Welt kam, praktizieren die Ökumene und die Kirchentagslosung „Ihr sollt ein Segen sein“ im eigenen Haus: Mann Andreas, der erfolgreiche Tischlermeister mit fünf Gesellen und zwei Lehrlingen in der Werkstatt in Wittenau und im Außendienst in allen Bezirken der Stadt, ist Katholik. Corinna, die er beim Tanz – die beiden tanzen leidenschaftlich gern – in der Berliner Traditionskneipe „Eierschale“ kennen gelernt hatte, wurde evangelisch getauft, ging aber nun zur eigenen Trauung in die Katholische Kirche, wo auch Benedikts Taufbecken stand. Dort beim Pfarrer Ulrich Hampel sei es irgendwie feierlicher, sagt Corinna, lobt den Chor und das schwungvolle Gemeindeleben. So habe jede Religion im jeweiligen Kirchenraum ihre Vorzüge oder Eigenheiten, doch „im Grunde glauben wir alle ja an den gleichen Gott und sollten wieder zueinander finden“.

Dabei könnte der Kirchentag helfen. Erwartungen? Hoffnungen? „Manches aus einem anderen Blickwinkel sehen, Abstand zum Alltäglichen gewinnen, zur Ruhe kommen, Kontakte knüpfen, eine große Familie sein, Erfahrungen anderer hören – wir freuen uns auf die fünf Tage Ende Mai mit dem Erlebnis einer total kirchlichen Stadt“.

Und noch etwas: Ein schöner Satz aus Hebräer 13,2 sagt allen, die noch überlegen, ob sie ein Kopfkissen zur Verfügung stellen können: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht, denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt“.

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