Der Tagesspiegel : Wo nichts zusammenwächst

Claus-Dieter Steyer

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Der anhaltende Ärger im polnischen Slubice über das gescheiterte Straßenbahnprojekt ins benachbarte Frankfurt (Oder) ist verständlich. Denn es hätte so schön sein können. Das gerade 17 000 Einwohner zählende Städtchen, das bis 1945 zu Frankfurt gehörte, freute sich auf den ersten öffentlichen Personennahverkehr. Die Schleife mit sechs Haltestellen sollte die Fahrgäste bequem zum Bahnhof, zur Universität und zu den Fachgeschäften am anderen Oderufer bringen. Gleichzeitig spekulierten die Optiker, Zahnärzte, Friseure und Kaufleute auf mehr Kunden aus Deutschland. Das Schönste aber war die Aussicht auf eine günstige Finanzierung der drei Kilometer langen Strecke. Slubice wäre fast ohne eigenes Geld zur Straßenbahn gekommen, wollte doch die EU dem neuen Mitgliedsland dieses Projekt bezahlen.

Doch der schöne Traum platzte. Die Frankfurter machten in einer Befragung mit 83:17 Prozent den Nachbarn einen dicken Strich durch die Rechnung. Sie folgten ihrem Oberbürgermeister nicht, der die Symbolik einer ersten grenzüberschreitenden Straßenbahn bemühte. Kopfschüttelnd reagierten sie auf die präsentierte Rechnung, wonach die Stadt nur 800 000 Euro zahlen sollte.

Die restlichen 2,4 Millionen Euro sollten von der EU kommen. Eine Garantie wollte dafür niemand abgeben, so dass Skeptiker gleich auf den 2003 auf der Oderinsel Ziegenwerder eröffneten Europagarten verwiesen. Dort haben die Ausgaben längst den vorher abgesteckten Rahmen überschritten.

Vor allem aber zeigte die überaus deutliche Ablehnung des Projektes, wie wenig die Einwohner der Grenzregion das in offiziellen Reden beschworene Zusammenwachsen zwischen Deutschen und Polen wirklich wollen. Mit „zu großer Voreingenommenheit“ wollte der Frankfurter Oberbürgermeister die Niederlage bei der Abstimmung erklären. Wahrscheinlich hat er Recht.

Schon sein einstiger Amtskollege im nicht weit entfernten Guben musste vor einigen Jahren feststellen, wie zögerlich die Einwohner seinen Kurs auf eine starke deutsch-polnische Zusammenarbeit honorierten. In den Neunzigerjahren propagierte Guben den Slogan von einer „wiedervereinigten Stadt im wiedervereinigten Europa“. Denn auch Guben hatte durch den Zweiten Weltkrieg einen Stadtteil verloren. Gubin am anderen Ufer der Neiße gehörte fortan zu Polen. Doch die Einwohner wählten den alten und international geehrten Bürgermeister vor drei Jahren ab. Er habe sich zu wenig um Guben und viel zu stark um Gubin gekümmert, lautete das Hauptargument.

Auch in Frankfurt (Oder) liegt die Vermutung nahe, dass die Einwohner ihr Stadtoberhaupt und die sich auf gleicher Linie befindlichen Abgeordneten etwas bremsen wollten. Im Alltag ist von der propagierten Normalität zwischen beiden Völkern durchaus noch nicht viel zu spüren. Hinter dem regen Verkehr auf der Grenzbrücke steht nach wie vor die schlichte Jagd nach dem billigen Produkt – vor allem nach Benzin und Zigaretten. Dafür brauchen die meisten Deutschen keine Straßenbahn. Von einer Touristenattraktion wollten sie gleich gar nichts wissen. Noch unvergessen sind die vor sechs Jahren verkündeten Pläne einer Schwebebahn über die Oder, um mehr Gäste in die Region zu locken. Nichts passierte. Auch das seit Jahren vom Oberbürgermeister verfolgte Projekt, leer stehende Wohnungen Familien aus Slubice anzubieten, kommt nicht voran. Bei einer Einwohnerbefragung zu dieser Problematik wäre ohnehin eine Ablehnung sehr wahrscheinlich.

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