Der Tagesspiegel : Wo Wähler selten sind

Brandenburg, ein Land der Nichtwähler. Und deren Hochburg ist Drachhausen: mit zuletzt fast 90 Prozent

Claus-Dieter Steyer

Drachhausen - Die 13 älteren Frauen genießen im kleinen Biergarten der Eisdiele die Sonne. Ihre Gespräche drehen sich um Pilze, Krankheiten und den langen Schulweg eines 12-Jährigen aus dem Ort bis zum Gymnasium in Cottbus. Fünf Kilometer mit dem Fahrrad und dann noch 20 Minuten im Bus müsse der arme Kerl fahren. Und die Wahlen am Sonntag? Die Rentnerinnen mustern den Fragesteller wie einen Außerirdischen. „Ach, die Wahlen“, sagt eine Dame mit abwertender Handbewegung. Schon sind sie wieder bei den besten Stellen zum Pilze sammeln.

Drachhausen, zwischen dem Spreewald und der polnischen Grenze gelegen, scheint seinem Ruf als Hochburg der Nichtwähler auch diesmal gerecht zu werden. Bei der Europawahl vor drei Monaten gaben in dem 900-Einwohner-Ort gerade mal 11,9 Prozent ihre Stimme ab. Das bedeutete absoluten Negativrekord in Deutschland. Selbst der Brandenburger Durchschnitt von 27 Prozent, der dem Bundesland im Deutschlandvergleich den letzten Platz einbrachte, wurde hier noch deutlich unterboten.

Nur die wenigsten Mitglieder der Frauenrunde, die sich jede Woche zum Plausch trifft, können sich überhaupt an den letzten Urnengang erinnern. „Aber so schlimm wie bei der Europawahl war die Beteiligung tatsächlich noch nie“, erklärt die Chefin der Eisdiele. „Aber das lag nur an unserem Dorffest. Da hatten die Menschen einfach keine Zeit für den Gang ins Gemeindebüro.“ Sie lächelt. „Wir leben keineswegs hinter dem Mond, auch wenn wir ringsum von Wald umgeben sind.“ Die Frau ruft in die Runde ihrer Gäste: „Beim letzten Mal lag es doch wirklich nur am Dorffest zum 500. Gründungsjubiläum, oder?“ Bei diesem Thema werden die Frauen plötzlich gesprächig. Sie erzählen vom prächtigen Umzug, von den vielen Schau-Bildern, den Marktständen um die Kirche, von den Auftritten des Chores, des Turnvereins, der eigenen Theatergruppe und der rührigen Freiwilligen Feuerwehr.

Auf die Frage, ob denn das Wahllokal so weit weg vom Trubel gewesen sei, gibt es nur Kopfschütteln. Nein, es liegt gleich gegenüber der Kirche in der Dorfmitte.

Für kurze Zeit kommt das Gespräch dann doch auf die Abstimmung am heutigen Sonntag. „Können Sie mir sagen, wen wir wählen sollen?“, fragt eine frühere Beschäftigte des Gemeindebüros. „Jede Partei verspricht Arbeitsplätze und keine schafft sie.“ Die anderen fallen ein: „Die großen Unternehmen wandern doch alle aus Deutschland ab“, „die jungen Leute verlassen uns“, „niemand hat mehr Geld für einen Hausbau“ oder „die Politiker sollten mal einen Monat von unserer Rente leben.“ Selbst die PDS bekommt ihr Fett weg. Sie hat in der Lausitz Plakate mit Sprüchen in Sorbisch aufgehängt. Drachhausen gehört zwar zum Siedlungsgebiet der Sorben, aber deshalb fallen die noch lange nicht auf solche „Anmache“ rein. „Das Plakat zeigt Ostereier“, erklärt eine kräftige Frau aus der Runde. „Aber solche Malereien gibt es nur in der Oberlausitz, also in Sachsen, nicht aber bei uns in der Niederlausitz.“ Wer schon bei diesen Dingen versage, habe sicher auch sonst keine Ahnung.

Bei weiteren Gesprächen im Ort zeigt sich, dass den Drachhausenern genau wie vielen Ostdeutschen die Lust am Einmischen in die Politik irgendwann verloren gegangen ist. Kurz nach der Wende demonstrierte das halbe Dorf noch vor der Russischen Botschaft in Berlin gegen Schießübungen der Soldaten in der Nachbarschaft der Gemeinde. Eine Granate hatte kurz zuvor ihr Ziel verfehlt, und Splitter waren auf ein Dach geflogen.

„Das ist lange her“, sagt kopfschüttelnd ein älterer Einwohner. „Viele kluge Köpfe sind doch längst in den Westen abgewandert, weil es hier weit und breit keine Arbeit gibt.“ Zur Wahl will er nicht gehen. „Das liegt bei mir am Schicksal von Horno. Das wird einfach so abgebaggert und niemand regt sich auf.“ Auch Drachhausen sollte einst einem Braunkohletagebau weichen. Nach 15 Jahren Baustopp sei der Ort schließlich „mit einem blauen Auge davongekommen“, meint der Mann. „Da hat uns höchstens der liebe Gott geholfen.“ Die Politiker aber machten doch sowieso, was sie wollten. „Was soll ich da wählen gehen?“ Um Gott ist es heute in dem Dorf ebenfalls nicht gut bestellt. Einen Pfarrer gibt es schon lange nicht mehr. Ein Vertreter kommt ab und zu zum Gottesdienst aus dem etwas größeren Peitz. Am heutigen Sonntag bleibt die Drachhausener Kirche zu. Auch ein Dorffest steht nicht an. Es dürfte ein sehr ruhiger Tag werden.

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