Wölfe : Kontaktscheue Zuzügler

Mit der Lieberoser Heide gibt es jetzt sieben Wolfsreviere in der Region. Nicht alle Tiere leben im Rudel.

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Heimisch in Brandenburg. Vor allem in weitläufigen Waldgebieten fühlen sich die Wölfe wohl. -Foto: dpa

Lieberose – Revierförster Romeo Buder gibt auf der Suche nach dem Wolf in der Lieberoser Heide ordentlich Gas. Dazu zwingt ihn allerdings nicht das noch immer geheimnisumwitterte Tier, sondern der Winter. „Wir bleiben sonst im Schnee stecken. Das Auto besitzt keinen Allradantrieb“, sagt er und fährt weiter rasant auf Waldwegen voller vereister Bodenwellen, Löchern und kleiner Schneeverwehungen, auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz, 120 Kilometer südöstlich Berlins am Rande des Spreewalds.

Außer Forstleuten verirrt sich kaum jemand in dieses weitläufige Waldgebiet, zumal Schilder vor einem Verlassen der Wege warnen: „Lebensgefahr! Munitionsverseuchtes Gebiet“. Vier Jahrzehnte lang hatten sowjetische Soldaten hier das Abfeuern aller möglichen Granaten und Bomben geübt und sich nicht weiter um Blindgänger gekümmert.

„Genau solche ruhigen, störungsfreien und unzerschnittenen Landschaften sucht der Wolf“, erklärt der Revierförster. „Ein einziges Rudel braucht ein Territorium zwischen 270 und 300 Quadratkilometern, das es dann auch gegen Artgenossen verteidigt.“

Die Lieberoser Heide gehört zu den jüngsten Brandenburger Gebieten, in denen mindestens ein Wolf lebt. Gleich drei Fotofallen, die aus im Wald montierten Kameras mit Bewegungsmeldern bestehen, schnappten im Dezember und im Januar zu. Die Aufnahmen ließen keinen Zweifel zu. Ein Tier, vermutlich ein Rüde, zieht wieder durch die Heide, wo vor rund 100 Jahren die letzte organisierte Wolfsjagd stattfand.

Das wäre in Brandenburg dann der elfte erwachsene Wolf, für dessen Existenz es gesicherte Nachweise gibt. Vor rund zehn Jahren waren die ersten Exemplare vermutlich aus Westpolen zunächst in die sächsische Lausitz eingewandert, von wo aus sie sich auf den Weg nach Norden und Westen machten. Derzeit lebt ein Rudel mit sechs Jungtieren im Gebiet des ehemaligen Tagebaus Welzow-Süd bei Spremberg, jeweils ein Paar in der Zschornoer Heide in Südostbrandenburg und auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Jüterbog. Ein weiteres Rudel mit fünf Welpen gibt es auf dem Militärgelände Altengrabow in Sachsen-Anhalt im Grenzgebiet zum Fläming bei Wiesenburg sowie einzelne Tiere in der Wittstocker Heide (Bombodrom), in der Jännersdorfer Heide in der Prignitz und auf dem Truppenübungsplatz Lehnin. In ganz Deutschland zählt man derzeit etwa 60 wild lebende Wölfe, die unter strengem Schutz stehen.

Nach mehr als 15-minütiger Fahrt durch dichten Wald bremst Revierförster Buder. „Ich hab es mir gedacht, der Wolf spart Energie“, sagt er mit geheimnisvoller Miene. Er steigt aus und gibt Zeichen. „Das Tier läuft nicht etwa durch den hohen Schnee, sondern nutzt für seine Streifzüge die Spuren unserer Forstfahrzeuge auf den Wegen.“ Deutlich sind im Schnee die Abdrücke der typischen und vor allem hintereinander aufgesetzten Wolfspfoten zu sehen.

Den Wolf hat der Revierförster in der Nähe seines Hauses schon gesehen. „150 Meter Entfernung dürften es gewesen sein. Dann hat er sich aus dem Staub gemacht.“ Er scheue den Kontakt zum Menschen und greife ihn „unter normalen Umständen“ nicht an. Bei den in Europa in den vergangenen 50 Jahren registrierten neun Wolfsattacken auf Menschen handele es sich in fünf Fällen um Tollwuterkrankungen und in vier Fällen waren in Familien aufgezogene Wölfe auf Ziehvater oder Ziehmutter losgegangen.

Die Wölfe in Brandenburg greifen sich lieber leichte Beute. Im Vorjahr rissen sie nach einer Statistik des Landesumweltamtes 34 Schafe und eine Ziege, im Jahr 2009 waren es noch 69 Schafe und zwei Ziegen. Landwirte erhalten für die Verluste eine Entschädigung sowie Beihilfen für den Bau von Zäunen um ihre Schafherden. Die Anschaffung von speziellen Hütehunden wird dagegen noch nicht bezahlt.

Andere Hunde aber greifen Wölfe durchaus an. „Deshalb sollten die Lieblinge stets angeleint werden“, rät der Revierförster. „Die Wölfe betrachten ihr Revier als Wohnstube, das verteidigt wird.“ Kuscheltiere werden sie jedenfalls nie.

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