Wohnungsmarkt : Was in Berlin gut ist, wird auch teurer

In den Szenebezirken ist der Wohnungsmarkt so eng wie in München – und die Mieten steigen.

Ralf Schönball

Mieter und Vermieter melden einen drastischen Rückgang der leer stehenden Wohnungen in der Stadt. Im Zentrum Berlins ist das Angebot bereits so knapp wie in München – und in der bayerischen Landeshauptstadt sind Wohnungen Mangelware. Aufgrund des geringen Angebotes steigen die Mieten in Berlin immer schneller. Dennoch ist die Senatorin für Stadtentwicklung weiterhin davon überzeugt, dass „von einer angespannten Marktlage für Berlin nicht gesprochen werden kann“, so Ingeborg Junge-Reyer.

Die Senatsverwaltung begründet ihre Annahme mit Daten des Energieversorgers Vattenfall. Dieser hatte am 1. Juli 2008 die Zahl der Wohnungen gemeldet, für die es keinen Vertrag mit einem Stromkunden gibt. Daraus schließt die Verwaltung, dass diese Wohnungen am Markt angeboten werden, aber keinen Mieter finden. Doch diese Annahme wird von vielen Experten bezweifelt. Denn die nackten Zahlen sagten nichts darüber aus, warum in den betreffenden Wohnungen kein Vertrag mit einem Stromlieferanten besteht. Gezählt wurden lediglich alle Zähler in Wohnungen, für ein vertragsloser Zustand besteht. Hier wurde von einem rechtlichen Leerstand ausgegangen.

Und hier setzt die Kritik an: Mitgezählt worden seien aber auch solche Wohnungen, deren Mieter ihre Rechnungen nicht bezahlt hatten, so hieß es. Außerdem seien die vielen Wohnungen eingerechnet worden, die gar nicht vermietet werden sollen. So weisen Experten der Investitionsbank Berlin darauf hin, dass auch in einigen guten Lagen der Stadt mehr Wohnungen leer stehen als im stadtweiten Durchschnitt. Eine Erklärung hierfür sei „sanierungsbedingter Leerstand“. Hinzu kämen Wohnungen, die verkauft werden sollen – das sei fast nur im unvermieteten Zustand möglich. Schließlich gebe es viele Wohnungen, die wegen Feuchtigkeitsschäden oder ihrer Lage in einem engen dunklen Hof nicht zu vermieten sind.

Deshalb hat der Berliner Mieterverein – wie berichtet – dazu aufgerufen, leer stehende Wohnungen in der Nachbarschaft zu melden. Auf diese Weise wollen die Mietervertreter belastbare Leerstandszahlen ermitteln. „Nur so können wir die wohnungspolitische Diskussion voranbringen“, sagte Hartmann Vetter, Hauptgeschäftsführer des Berliner Mietervereins.

Der Verfasser des Wohnungsmarktberichtes der Investitionsbank Berlin hatte im Gespräch mit dem Tagesspiegel die Aussagekraft von Leerstandszahlen für die Lage am Berliner Wohnungsmarkt sogar grundsätzlich in Frage gestellt: „Auch in einigen besonders begehrten Quartieren von Friedrichshain stehen viele Wohnungen leer“, sagt Arnt von Bodelschwingh. An diesen Orten sei Leerstand aber sicher nicht mit einem Mangel an Nachfrage und einem entspannten Markt zu erklären. Im Gegenteil, diese Quartiere zählten bei Neuberlinern zu den begehrtesten Adressen und hätten ein „positives Wanderungssaldo“ – so nennen Experten eine Zunahme der Einwohnerzahl.

Der Leerstand in den Szenequartieren sei daher nicht durch ein Überangebot an Wohnungen, sondern durch strategische Überlegungen der Vermieter zu erklären: Weil Eigentümer ihre Wohnungen zum Beispiel besonders aufwendig sanieren und deshalb besonders teuer vermieten – nach Abschluss der Arbeiten aber monatelang keinen Mieter zu den erhofften Preisen finden. Beispiel für solche Spekulationen liefern einige Loftprojekte, die über längere Zeit leer stehen.

Nach Angaben von Vattenfall gab es am Stichtag 1. Juli 2008 rund 157 000 Wohnungen ohne Stromkunden. Das waren 8,3 Prozent aller Berliner Mietobjekte. Länger als sechs Monate blieben aber nur 5,7 Prozent aller Wohnungen ohne Stromabnehmer. Und nur 1,5 Prozent der Berliner Wohnungen (oder 28 000 Objekte) blieben 24 Monate vom Stromnetz abgekoppelt. Der Berliner Mieterverein geht deshalb davon aus, dass weniger als 80 000 Wohnungen tatsächlich verfügbar waren, aber nicht vermietet wurden – also jene Objekte, die mehr als sechs Monate, aber weniger als zwei Jahre leer standen. Zum Vergleich: 2001 hatte sich die FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus bei der Verwaltung danach erkundigt, wie viele Wohnungen in Berlin leer stünden. Damals war eine Zahl von 100 000 im Gespräch.

www.berliner-mieterverein.de

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