Wolfgang Bötsch : „Wir wussten, dass Stellen wegfallen“

Ex-Postminister Wolfgang Bötsch über den Streik bei der Telekom, das Lohnniveau in der Branche und den Tarifkonflikt.

Wolfgang Bötsch
Immer noch T-Aktionär: Wolfgang Bötsch.Foto: dpa

Herr Bötsch, 50 000 Telekom-Mitarbeiter sorgen sich derzeit um ihren Lebensstandard, viele streiken. Auf der anderen Seite muss der Konzern sparen, weil ihm im Jahr zwei Millionen Kunden davonlaufen. Als letzter Postminister sind Sie für diese Entwicklung mitverantwortlich. Gab es keine Alternative?

Dass die Telekom Kunden verliert im Zuge der Liberalisierung, das hat jeder gewusst. Daher kann ich mich darüber weder freuen noch ärgern, noch ist Mitleid da eine passende Kategorie. Wir haben damals nur die Rahmenbedingungen gesetzt.

Und die Bedingungen haben sich bewährt?

Der Gesetzgeber ist bewusst hart mit dem alten Monopolisten umgegangen. Das nehme ich auch für mich in Anspruch. Wir wollten, dass die Telekom die Chance hat, in einem liberalisierten Markt kostengünstige Preise anzubieten.

Aus der alten Bundespost haben Sie drei Konzerne gemacht: Die Telekom, die Postbank und die gelbe Post. Warum trifft der freie Wettbewerb die Telekom offenbar am härtesten?

Möglicherweise hat die Telekom die Schnelligkeit des Marktes und die Effizienz der Wettbewerber unterschätzt. Unser Ziel war, dass dem Kunden Telekommunikationsleistungen zu akzeptablen Preisen zugutekommen. Und das ist auch eingetreten. Wir haben die Globalisierung für diesen Bereich vorweggenommen, auch unter dem Druck der EU. Dass dabei Arbeitsplätze auch bei der Telekom verloren gehen, das haben wir schon gewusst. Den Umfang konnten wir allerdings nicht abschätzen.

Die Telekom bemüht sich, den Aktienkurs wieder in die Höhe zu bekommen. Können Sie nachvollziehen, dass der Schauspieler Manfred Krug sich bei den Aktionären für die T-Aktien-Werbung entschuldigt hat?

Ich habe mich darüber amüsiert. Der ist damals bezahlt worden für eine Werbemaßnahme – nicht dafür, die Aktie zu beurteilen. Mich betrifft das ganze leider auch als Aktionär. Dabei bin ich sogar zu einem wesentlich höheren Kurs als dem Ausgabepreis eingestiegen.

Sind Sie noch Kunde bei der Telekom?

Ja, ich habe eine Telekom-Anlage im Büro und zu Hause sowie ein Handy von T-Mobile. Vielleicht ist das so ein wenig alte Anhänglichkeit. Ich habe nicht vor, zu wechseln. Nur meine E-Mail-Adresse habe ich bei einem anderen Anbieter, da ist es umsonst.

Sowohl Post- als auch Telekombranche sind heute für Billiglöhne berüchtigt.

Wir sind hier an Grenzen angelangt. Die Löhne sollten so sein, dass eine Durchschnittsfamilie damit auskommen kann. Es ist eine Fehlentwicklung, dass dann der Steuerzahler dafür aufkommen muss, wenn es unter der Grenze ist, unter der man noch ein auskömmliches Einkommen hat, das für eine Familie reicht.

Das gilt auch für viele Jobs bei Briefzustellern. Wird der Wind auch für die Mitarbeiter der Post AG rauer, wenn 2008 das Briefmonopol fällt?

Das kann sein. Die Bundesnetzagentur muss dann stärker darauf dringen, dass Firmen nur eine Lizenz bekommen, wenn sie sich an soziale Standards halten. Die juristischen Werkzeuge sind dazu vorhanden. Derzeit haben wir da eine Schieflage. Ich möchte nicht, dass sich die Post dann auf das Niveau der Wettbewerber zubewegt.

Könnte die Politik im aktuellen Tarifkonflikt bei der Telekom vermitteln?

Wir wollten das Unternehmen ja aus der Politik befreien, das war der Sinn der Übung. Und nicht, die Politik durch die Hintertür in das ganze Geschehen wieder mit einzuführen. Die Möglichkeiten der Anteilseigner, in das operative Geschäft einzugreifen, sind ohnehin sehr beschränkt. Wenn Verdi-Chef Frank Bsirske sagt, die Bundesrepublik solle sich einmischen, würde ihn ein Blick in das Aktiengesetz schnell eines Besseren belehren.

Dennoch: Was müsste ein Schlichter im aktuellen Tarifkonflikt bei der Telekom tun?

Er müsste sich die gesamte Kostenstruktur des Unternehmens ansehen und Vergleiche anstellen, was woanders gezahlt wird. Nicht nur in der Telekommunikationsbranche, sondern auch anderswo. Vor allem braucht er Sachkenntnis.

Die würden Sie mitbringen.

Um Gottes Willen. Die Vorstellung, dass ich mich da einschalte, amüsiert mich eher. Ich kenne immerhin Herrn Obermann. Den Herrn Schröder von Verdi zwar noch nicht, aber Michael Sommer vom DGB, der ja auch im Telekom-Aufsichtsrat sitzt. Aber mich hat niemand gefragt. Und ich glaube auch nicht, dass die auf mich zukommen.

Das Gespräch führte Nils Sorge.