Der Tagesspiegel : Wolfs Revier: Isegrimm mit Grundstück

Claus-Dieter Steyer

Der dreibeinige Wolf aus dem Eberswalder Zoo hat jetzt eine neue Heimat im Wildpark Schorfheide nördlich von Berlin gefunden. Das Raubtier sei in einem knapp einen Hektar großen, abgeschiedenen Gehege untergebracht, teilte der Wildpark am Dienstag in Groß Schönebeck (Kreis Barnim) mit. Dort soll für das behinderte Tier an der Seite einer Wölfin ein besseres Leben beginnen. "Beide rennen schon zusammen durchs Gehege", sagte eine Mitarbeiterin des Wildparks. Doch das berühmteste Exemplar unter diesen noch immer Angst und Schrecken verbreitenden Einwanderern machte sich gestern trotz seines neunmonatigen Lebens in Gefangenschaft vor der versammelten Presse im Wildpark Schorfheide rar: der "Dreibeinige Wolf von Ossendorf" ließ sich nicht blicken.

Da konnte das vor fünf Jahren in einem Nachbargehege angesiedelte Wolfsrudel noch so sehr heulen. Isegrim "Naum" versteckte sich. "Der würde wahrscheinlich beim Anblick so vieler Menschen in Panik verfallen und völlig verstört reagieren", erklärte Wildparkchef Frank Heyter. "Wölfe sind im Unterschied zu vielen Berichten sehr scheue und sensible Tiere." Aber das Rotkäppchensyndrom habe den Wolf wohl für alle Zeiten zum aggressiven Gesellen abgestempelt. Der jetzt im Wildpark Schorfheide beheimatete dreibeinige Wolf war Anfang des Jahres in Ossendorf bei Eisenhüttenstadt unweit der Oder entdeckt worden. Ihm fehlt fast der komplette rechte Hinterlauf. Experten vermuten, dass er sich diese Verletzung bei der Befreiung aus einem Fangeisen zugezogen hatte. Die Halterin eines Schäferhundes verständigte die Behörden mit dem Hinweis, dass der Wolf ihre Hündin gedeckt habe. Ein nach der Geburt angesetzter Vaterschaftstest widerlegte die Vermutung. Nicht der Wolf, sondern der Hund des Nachbarn war für den Nachwuchs verantwortlich. Da aber zur gleichen Zeit in der Gegend ein Kalb gerissen worden war, verbreitete sich schnell Panik. Das Umweltministerium entschloss sich daher, den gehandicapten Wolf einfangen zu lassen. Er kam zunächst in den Zoo von Eberswalde, wo er sich allerdings nicht mit dem dortigen Rudel anfreundete. "Nur ein einziger Pfleger durfte sich überhaupt in die Nähe des Dreibeiners wagen", erzählte Zoo-Direktor Bernd Hensch. "Sonst zitterte dieser sofort am ganzen Körper."

Nun soll dem schätzungsweise sechs- bis achtjährigem Tier in der Schorfheide ein freudigeres Leben beschieden sein. Die in Hamburg beheimatete Tierschutzorganisation "Vier Pfoten" und der Wildpark teilten sich die Kosten von rund 100 000 Mark für ein 8200 Quadratmeter großes Gehege. Das teilt er sich mit der schon länger im Wildpark heimischen Wölfin "Mina". Sie war in letzter Zeit Opfer von Rangordnungskämpfen innerhalb des Rudels geworden.

"Wölfe genießen in Brandenburg strengsten Naturschutz", sagte Umweltamtspräsident Freude. "Sie richten im Unterschied zu vielen Legenden kaum Schäden an." Gerissene Haustiere gingen sehr selten auf das Konto von Wölfen, sondern seien Opfer von wildernden Hunden. Die Chance, in freier Wildbahn die Hauptgestalt des wohl bekanntesten Märchens zu begegnen, halten Fachleute für sehr gering. Der Wolf lebe sehr zurückgezogen und weiche den Menschen aus. Ihm drohe nur von zwei Seiten Gefahr: von nicht genau beobachtenden Jägern und vom Straßenverkehr. Auf fast ein Dutzend schätzt der Präsident des Landesumweltamtes, Professor Mathias Freude, die Zahl der in den vergangenen Jahren durch die Oder geschwommenen und hier heimisch gewordenen Tiere. Vor allem die Märkische Schweiz rund um Buckow und die Schorfheide, aber auch das westlich Berlins gelegene Havelland seien bevorzugte Gebiete für einzeln lebende Wölfe.

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