Der Tagesspiegel : Woodstock in Polen

Auch Berliner und Brandenburger feierten am Wochenende beim Rockfestival in Küstrin

Alban Vlotho

Küstrin – Der Regionalexpress von Berlin nach Kostrzyn (Küstrin) bot am Wochenende ein ungewohntes Bild: Statt Wochenendausflüglern und – einkäufern jugendliche Rockfans aus Berlin und Brandenburg auf dem Weg zur „Haltestelle Woodstock“ – „Przystanek Woodstock“, dem größten Rockfestival Polens.

Vor dem Bahnhof blinzeln deutsche und polnische Jugendliche, die mit Sonderzügen aus allen Landesteilen anreisten, vereint in die Sonne, decken ihren Bedarf an Bier und Zigaretten an improvisierten Ständen. Sie säumen den gesamten Weg zum vier Kilometer entfernten Truppenübungsplatz. Schlagzeugsalven kündigen die Nähe des Festivals an, der Wald lichtet sich. Über dem riesigen ehemaligen Truppenübungsplatz hängt eine gigantische Staubwolke, rechts davon steigt eine Wasserfontäne in den Himmel. Leicht bekleidete Besucher erfrischen sich oder bewerfen sich mit Schlamm.

400000 Besucher waren es nach Angaben der Veranstalter, davon knapp 10000 aus Deutschland, viele von ihnen aus Brandenburg und Berlin. Genaue Angaben sind aber schwer zu bekommen, denn Eintrittskarten wurden keine verkauft – das Festival ist für die Gäste gratis. Wer die großen deutschen und europäischen Festivals mit ihren jeweils rund 100000 Besuchern kennt, der mag nicht recht glauben, dass sich hier die vierfache Menge an Besuchern versammelt haben soll. Aber so beziffert es der Veranstalter, das „große Orchester der Weihnachts-Wohltätigkeits-Stiftung“ (Wielka Orkiestra Œwitecznej Pomocy). Gestartet wurde das Festival 1995 als Dankkonzert für alle Helfer eines landesweiten Weihnachtskonzertes, dessen Millionenerlöse für Kinderkrankenhäuser gespendet wurden.

Auch Stiftungspräsident Jerzy Owsiak geht auf die Bühne – so charismatisch wie eigenwillig sagt er fast alle Bands selbst an, und manchmal mehr als das. Nach einer Zugabe und den üblichen Bemerkungen, wie schön es sei, dass alle vereint und glücklich feiern könnten, hält er eine etwa zehnminütige Rede, in der er über die politische Klasse Polens schimpft und gleichzeitig betont, wie stolz er auf dieses Land sei. Und löst damit keinen Widerspruch aus.

Auch das Nebeneinander der Stände, von „Amnesty International“ über Attac bis zu Hare Krishna und der polnischen Polizei, die jeweils um Nachwuchs werben, stört keinen. Seit vor zwei Jahren die „Toten Hosen“ beim polnischen „Woodstock“ spielten, (damals noch in Zary nahe Zielona Gora), nimmt seine Popularität auch in Deutschland ständig zu. Nicht nur beim Publikum, auch unter den knapp 700 Bewerbungen, die Woodstock-Gründer Owsiak dieses Jahr nach eigenen Angaben bekommen hat.

Eine Brandenburger Bewerbung kam durch: Die Cottbusser Punkrocker von SPN-X spielten am Sonnabend als eine von 25 Bands auf der Hauptbühne. Wegen der fehlenden Gagen werden wohl auch im nächsten Jahr die großen internationalen Künstler nicht kommen. Keineswegs aber ist die „Haltestelle“ ein Nachwuchsfestival oder Endstation für Bands, die den Zenit überschritten haben. Denn unter den 26 Gruppen sind durchaus Größen der polnischen Musikszene, und nicht nur in Deutschland nimmt das Interesse zu. Auch aus Ungarn, Tschechien, Großbritannien und Kanada kamen Bands nach Kostrzyn.

Blues und Heavy Metal, Punk und Reggae vom vergangenen Jahr gibt es schon auf DVD. Und auch diesmal schwenkten über all den Staubwolken riesige Kameras aufs polnische Woodstock.

Weitere Informationen (polnisch) und Fotos unter www.wosp.org.pl

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