Der Tagesspiegel : Woran die Charité krankt

Die Universitätsmedizin ist mit 8,8 Millionen im Defizit. Es könnte noch größer werden

Amory Burchard,Hannes Heine

Die Berliner Universitätsmedizin steckt in den roten Zahlen. Im Jahr 2007 sei ein Verlust von 8,8 Millionen Euro aufgelaufen, teilte der Aufsichtsrat wie berichtet Ende vergangener Woche mit. „Im bundesweiten Vergleich der Kliniken liegen wir mit diesem Defizit im Mittelfeld“, sagte am gestrigen Dienstag eine Charité-Sprecherin dem Tagesspiegel. Verantwortlich macht die Charité neben Tarifsteigerungen und der Erhöhung der Mehrwertsteuer auch „explodierende Energiekosten“.

Diese Zahlen kämen jedoch viel zu spät, kritisieren die Grünen: Der Jahresabschluss 2007 hätte schon vor einigen Monaten vorliegen müssen, um noch politisch reagieren zu können, sagt Gesundheitsexpertin Lisa Paus. Und es könnte noch schlimmer kommen: In der Landespolitik, aber auch an der Charité kursieren Zahlen, nach denen das Defizit Ende 2008 rund 35 Millionen Euro betragen könnte. Wie kommt es zu diesen finanziellen Risiken für das Universitätsklinikum?

Tarifsteigerungen

Der 2006 mit der Gewerkschaft Verdi erzielte Tarifkompromiss für die 12 000 Pflegekräfte kostete die Charité mehr als geplant: 2007 waren es rund 3,5 Millionen Euro zusätzlich, 2008 kommen nach Schätzungen 5,6 Millionen Euro hinzu. Rund zehn Prozent mehr Lohn für die 2200 Ärzte hatte zudem die Medizinergewerkschaft Marburger Bund 2006 erstritten. Die Erhöhung koste die Charité acht Millionen Euro im Jahr, hieß es damals. Diese Kosten und die Ausgaben für Energie hätten die Klinik jedoch noch mehr belastet, wenn man an anderer Stelle nicht gespart hätte, sagte die Sprecherin.

Energiekosten

Die Strompreise sind seit 2003 um rund 50 Prozent gestiegen, Heizöl und Erdgas haben sich um mehr als 60 Prozent verteuert. Das haben die Berliner Universitäten beklagt, als sie in der vergangenen Woche ihre Finanzkrise offenlegten. Ein großer Teil der Kosten für Heizung und Strom, aber auch für Wasser ist flächengebunden: Je mehr Gebäude die Charité betreibt, desto höher die Kosten. Solche „Sekundärkosten“ machen an der Charité 35 Prozent des Gesamtumsatzes aus, 20 Prozent gelten unter Klinikmanagern als ideal. Nach dem Masterplan von Anfang 2007 sollten deshalb die genutzten Flächen erheblich reduziert werden. Im Jahr 2006 hat die Charité bereits ihr Gebäude-Management privatisiert. Rund 20 Millionen im Jahr sollten so gespart werden. Dies sei bislang nicht der Fall, sagt Lisa Paus von den Grünen. Aus der Charité ist zu hören, dass die Ausgaben für das Gebäude-Management trotz der Privatisierung eher gestiegen sind.

Defizitäre Abteilungen

Er habe „fast jeden Tag Gespräche mit Abteilungen, deren Ausgaben oberhalb des Budgets liegen“, sagte Charité-Chef Einhäupl zu seinem Amtsantritt im Juni. Jetzt kündigte er ein neues Strukturkonzept an, nach dem Schwerpunkte wie die Herz-Kreislauf-, die Tumor-Medizin oder die Erkrankungen des Nervensystems nur noch an je einem der drei Charité-Standorte angeboten werden sollen. „Das hat finanzielle und strukturelle Vorteile“, sagte Einhäupl. So müssten teure medizinische Geräte nur noch einmal angeschafft werden. Die Wirtschaftlichkeit einzelner Bereiche werde „intensiv beleuchtet“, hieß es gestern.

Problematisch für die Hochschulmedizin sind aber auch die 2003 eingeführten Fallpauschalen (DRG), nach denen die Behandlung einzelner Krankheiten von den Kassen vergütet wird. „Nicht alle Krankheiten werden angemessen finanziert“, sagte die Charité-Sprecherin. Die Fallpauschalen entsprechen etwa in der Unfallchirurgie und Kinderheilkunde häufig nicht den tatsächlichen Behandlungskosten, kritisieren Ärzte. Die von den Krankenkassen veranschlagten Kosten seien oft zu gering. Das hat einige Abteilungen der Charité in die roten Zahlen getrieben.

Gleichzeitig setzen die Kassen die Höhe der Fallpauschalen flexibel fest. Krankenhausmanager müssen schnell reagieren, Einrichtungen jederzeit entsprechend verkleinern oder vergrößern können. Das gelinge an der Charité bislang nicht, sagen interne Kritiker. Es bringe auch nichts, die Spezialgebiete an einzelnen Standorten zu konzentrieren. Die Charité-Leitung müsse weg vom statischen Denken in Klinikstrukturen.

Sparauflagen für Forschung und Lehre

Wie den Universitäten wurden auch der Hochschulmedizin massive Einsparungen für Forschung und Lehre auferlegt. Der entsprechende Landeszuschuss sinkt von 2002 bis 2010 stufenweise um 98 Millionen Euro: Erhielt die Charité 2002 noch 330 Millionen Euro jährlich, muss sie 2010 mit 232 Millionen Euro auskommen. Die Sparsummen bis 2007/08 seien voll erbracht worden, sagt ein Insider.

Institute wurden zusammengestrichen, die Vorklinik wurde von Dahlem nach Mitte verlagert und dabei stark verkleinert. Zudem sei die Ausstattung der Professuren „auf Grundfinanzierung runtergedreht“ worden. Insofern seien Forschung und Lehre nicht für das Millionen-Defizit mitverantwortlich.

Baumaßnahmen

Der Senat hat der Charité für 2007 bereits zugesagte 20 Millionen Euro für Baumaßnahmen gestrichen und sie anderen Krankenhausträgern zugewiesen. Begründung: Die Charité hat ihre Bauplanung für die Sanierung der Fassade des Bettenhochhauses in Mitte, den Neubau der Vorklinik und das Forschungszentrum für Immun- und Neurowissenschaften noch nicht abgeschlossen. Die nichtuniversitären Krankenhäuser dagegen können ihre Baumaßnahmen sofort starten. Diese Mittelkürzung dürfte aber kaum zum erwarteten Charité-Defizit für 2008 beitragen, sagt Paus: „Wenn nicht gebaut wird, haben sie auch keine Kosten.“

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