World Wide WEG : Schulfrei nach Plan

Und plötzlich waren die Mitschüler sehr unternehmungslustig. Unsere Kolumnistin war darauf nicht vorbereitet.

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Kleiner Hänger. Von oben erschließt sich der Trubel in einer ganz neuen Perspektive.Foto: privat

Von: Jacqueline Möller

An: werbinich@tagesspiegel.de

Betreff: Schulfrei nach Plan

Die Olympischen und Paralympischen Winterspiele in Vancouver sind zwar schon ein paar Wochen vorbei, aber in der Stadt sind sie noch präsent: auf Plakaten und Bussen, selbst in Zeitungsanzeigen. Dass die Spiele meine Mitmenschen in Euphorie versetzen würden, war abzusehen. Dass diese bis heute anhält aber nicht. Und auch auf die allgemeine Unternehmungslust war ich nicht vorbereitet. Dafür aber die anderen.

Gleich in der ersten Schulstunde nach der Eröffnungszeremonie reichte mein Lehrer für Darstellendes Spiel eine Liste herum, in der jeder seine geplanten „Unternehmungen während der Olympischen Winterspiele 2010“ eintragen sollte. Schon bald mussten Extrablätter gefunden werden, da die Liste voll war. Als ich an der Reihe war, flüsterte mir mein Sitznachbar zu: „In etwa 20 Minuten beginnt ein Konzert. Ich werde mit ein paar Freunden hinfahren, komm doch mit!“ Also schrieb ich das Konzert auf die Liste, zu den fünf anderen Aktivitäten, die ich schon eingetragen hatte. Das Klassenzimmer leerte sich mit einem Schlag.

Das Konzert war toll, so wie die anderen Sachen, die wir in den folgenden Tagen unternahmen. Eine unserer Touren führte uns zum „Sky Train“. Diese vollautomatische Hochbahn, die ohne Fahrer auskommt und die anlässlich der Winterspiele eine neue Linie eröffnet hatte, die „Canada Line“, führt vom Stadtzentrum in den Süden. Der Andrang war groß, weil viele Menschen die neue Attraktion ausprobieren wollten. Schon von Weitem fielen uns die Servicekräfte der Bahn auf, die in Hellblau gekleidet waren und von allen „Smurfs“, Schlümpfe, genannt wurden. Wie von selbst brachten sie die Menschenmassen dazu, sich in die Schlange einzufädeln. Was für europäische Verhältnisse ungewohnt war: die strahlenden Gesichter der Wartenden, die die Prozedur klaglos über sich ergehen ließen.

Als wir endlich im Zug saßen, packte Anna einen Stapel Papier aus, ihr Programm für die nächsten Tage. „Wir haben die Qual der Wahl …“, sagte sie. Doch Jan fiel ihr ins Wort. „Nein, haben wir nicht. Der Schulleiter hat alle Schüler entschuldigt, solange sie sich die Olympischen Spiele anschauen.“ Das taten wir zweifelsfrei. Ganz oben auf meiner To-do-Liste stand das „German House“: der Treffpunkt aller deutschen Sportler, Ehrengäste und VIPs. Und der Seilzug, der in der Innenstadt zwischen den Hochhäusern gespannt und besonders bei Touristen beliebt war. Klar, dass auch ich dieses Teil ausprobieren musste. Am Himmel schwebend betrachtete ich den ganzen Trubel von oben. Und fühlte mich dabei so frei wie schon lange nicht mehr.

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