Der Tagesspiegel : Wühlarbeit im Vorgarten

Hungrige Schweine, freche Füchse: Die Stadt wird zum Lebensraum für immer mehr Wildtiere

Heidemarie Mazuhn

Nur Vogelzwitschern ist an diesem Vormittag auf Schwanenwerder zu hören. Wie verwunschen liegt das Inselchen mit seinen Villen entlang der einzigen Straße da. Doch die Idylle endet mit dem Einbruch der Dunkelheit. Dann kommen ungebetene Gäste, die gerade ein herrliches Villengrundstück in eine Mondlandschaft verwandelt haben: Wildschweine. Zwischen 5000 bis 8000 Exemplare der Borstentiere fühlen sich in und um Berlin schweinisch wohl, und das, obwohl jährlich bis zu 3000 Tiere abgeschossen werden.

Die Eigentümer des umgepflügten Grundstücks auf Schwanenwerder kommen trotzdem wohl nicht umhin, ihr Anwesen mit einem Zaun gegen die Tiere zu sichern. Der muss mindestens 30 Zentimeter tief in der Erde verankert und ansonsten so fest sein, dass auch der stärkste Eber keine Chance hat.

Aber nicht nur Wildschweine gedeihen prächtig. Die Stadt mit 161 Quadratkilometern innerstädtischer Waldfläche, einem ausgedehnten Wassernetz, unzähligen Parks und Naturrefugien wie Friedhöfen und stillgelegten Gleisanlagen ist auch ein Eldorado für Wildtiere wie Füchse, Waschbären und Steinmarder. Das Zusammenleben zwischen Mensch und Kreatur spannungsfrei zu gestalten, ist vor allem die Aufgabe des Landesforstamts. Dort haben die Mitarbeiter allzu häufig mit der skurrilen Tierliebe der Berliner zu tun: In Konradshöhe werden die Wildschweine von Anwohnern nicht nur gefüttert, sondern regelrecht beschützt.

Ein anderes Riesenthema sind die Füchse. Längst leben mehr Tiere in der Stadt als im Wald. Nach jahrzehntelangen Impfkampagnen werden sie nicht mehr durch Tollwut dezimiert und profitieren von der Wegwerfgesellschaft. In der Stadt finden sie genug Nahrung: ob Fallobst oder Reste aus offenen Müllbeuteln und nicht abgedecktem Kompost. Außerdem stellen die Berliner gerne Futter für frei lebende Katzen vor die Tür – was die Füchse zu schätzen wissen. Außerdem bedienen sie sich schon mal am Fressnapf von Fiffi oder Bello. „Füchse kommen überallhin“, sagte Marc Franusch vom Landesforstamt, „und sie suchen aktiv die menschliche Nähe, wenn sich die Nahrungssuche lohnt“.

Gefährlich sind die Roten nicht – sondern scheu wie alle Wildtiere. Das sollten sie auch bleiben – sie zu füttern oder als Haustier zu halten, ist verboten. Dass sich ein Zehlendorfer einen Fuchs wie ein Haustier hielt, wurde erst entdeckt, als sich der Meister Reinecke ins falsche Wohnzimmer verirrte. Und dass im Mommsenstadion einer der Wachleute von einem Fuchs gebissen wurde, war auch die Folge von menschlichem Fehlverhalten. Das Tier war gefüttert worden und hatte dadurch seine Scheu verloren. Aber es war am Ende dann doch nicht so zahm, dass es ihm gefiel, für Handyfotos auf den Arm genommen zu werden.

Wem beim Fuchs auch der gefürchtete Fuchsbandwurm einfällt, den kann Marc Franusch halbwegs beruhigen. Der Parasit sei zwar kaum ein Thema in Berlin, aber die Behörden würden die Problematik ständig verfolgen, sagt Marc Franusch. Da der Fuchs aber auch andere Parasiten mit sich trage, sollte man private Kindersandkästen möglichst abdecken und auf öffentlichen Spielplätzen nicht im Sand essen und Hände waschen sowieso.

Vertreiben kann man den Rotfuchs aus der Stadt kaum. Die Tiere leben im Reviersystem – wird ein Revier frei, wird es von einem anderen Fuchs übernommen. Einen Vorteil bringen die Füchse aber auch mit sich: Sie fressen Ratten und Mäuse und gehen – anders als Wildschweine – den Katzen und Hunden aus dem Weg.

Wie man im Notfall mit (s)einem Wildschwein, Fuchs oder auch Waschbär und Steinmarder umgeht – denn die gehören auch zu den Wildtieren, die in der Stadt heimisch geworden sind – , das kann man in Berlin am so genannten Wildtiertelefon des Landesforstamts erfragen. Es hat die Nummer 6419 3723.

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