Der Tagesspiegel : Wunschkind

Ich habe mir eine gelbe Schüssel auf dem Kopf gesetzt und verstecke mich hinter dem Kinderbett. Eine unsichere Hand entfernt das Laken, das mich verdeckt. Meine Schwester lacht auf.

Früher habe ich meine Eltern angefleht, mir ein Geschwisterchen zu schenken, aber meistens bekam ich nur ein verständnisvolles Lächeln. Ich spannte meine Großmutter ein und besprach mit ihr regelmäßig die Notwendigkeit eines Schwesterchens oder Brüderchens am Telefon. Irgendwann gab ich es auf – trotzdem ließ ich meine Eltern wissen, dass ich meinen Wunsch nicht einfach so vergessen würde. Vielleicht wollte ich ein Geschwisterchen, weil mir das für mein Bild von der idealen Familie noch fehlte.

Im Herbst des vorletzten Jahres erfuhr ich, dass mein Wunsch in Erfüllung gehen würde. Meine Freundinnen klatschten und umarmten mich, als ich es ihnen erzählte. Es war ein Wunder, wie der Bauch meiner Mutter wuchs. Im letzten Sommer hielt ich Lilly, meine kleine Schwester, in den Armen. 15 Jahre hatte ich gewartet!

Ab und zu mache ich mit meiner Schwester einen Spaziergang durch einen Park und werde neugierig gemustert, weil niemand einschätzen kann, ob ich die Mutter, die Schwester oder vielleicht das Kindermädchen bin. An meinem Leben hat sich mit ihrer Geburt einiges verändert. Es gibt jetzt jemanden, der von mir zum Lachen gebracht werden möchte, fordernd ist und mich doch nicht anders haben will, als ich bin. Ich habe keine Veränderungen an mir bemerkt, aber falls mich Lilly doch verändert hat, war das nicht die Verwandlung eines „typischen“ Einzelkindes in ein „typisches“ Geschwisterkind. Ich habe nicht viel weniger Zeit als früher, und ich bezweifle, dass ich vorher verwöhnter war. Ich glaube, für meinen Charakter ist es unwesentlich, ob ich Einzelkind war oder nicht – aber meine Schwester ist für mich ein Wunschkind.Julia Suris, 16 Jahre

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben