Der Tagesspiegel : Zarte Pflanze Tourismus

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Von Claus-Dieter Steyer

Auf den Tourismus kann sich der gewiss nicht sorgenfreie Wirtschaftsminister jeden Monat verlassen: In der Branche geht es aufwärts – mit bisher bereits 55000 Dauerarbeitsplätzen und zahlreichen Saisonjobs, den Umsätzen und den Steuereinnahmen. Entgegen dem Trend in Deutschland und im Ausland zählen die Brandenburger Statistiker ständig mehr Tagesausflügler und Übernachtungen. Darunter viele Ausländer, die von Januar bis April 7,6 Prozent mehr gebucht haben als in denselben Monaten des Vorjahres.

Zwar kann sich das Land längst noch nicht mit Ergebnissen in Bayern oder Baden-Württemberg vergleichen. Aber es geht steil nach oben. Im Osten hat sich Brandenburg sogar gemeinsam mit Mecklenburg-Vorpommmern an die Spitze gesetzt, während Sachsen gegen eine zurückgehende Nachfrage nach Übernachtungen kämpft. Ohne eine entsprechendes Angebot vor der Haustür würden viele Berliner gewiss in der Stadt bleiben oder an die Ostsee ausschwärmen. Aber da hat Brandenburg aufgeholt. Es gibt ein Netz an Rad- und Wasserwegen, anspruchsvolle Ausflugsrestaurants und nicht zuletzt Kultur in kleinen Städten und Dörfern. Auch wenn der Service vielerorts noch Wünsche offen lässt, verdient der Brandenburger Tourismus im Schnitt gute Noten. Das Geld der Steuerzahler scheint hier im Vergleich zu anderen Projekten gut angelegt zu sein. Sämtliche Thermal- und Spaßbäder im Umland schreiben schwarze Zahlen – vor allem dank der Berliner Gäste. In wenigen Tagen eröffnet in Belzig die nächste Wohlfühloase mit warmen Wasser aus dem Erdinnern. In den großen Naturschutzgebieten finden an jedem Wochenende geführte Exkursionen statt. Die Zeiten sind vorbei, als Gastwirte bei der Ankunft einer Radlergruppe die Hände vors Gesicht schlugen oder Segler und Kanuten an Anlegestellen nur ungern gesehen waren. Auch neue Trends werden glücklicherweise nicht verschlafen. Ein 100 Kilometer langes Asphaltband für Skater bei Luckenwalde gehört ebenso dazu wie Lange Nächte der Künste oder der Museen.

Die Übernachtungszahlen könnten sogar noch höher sein. Noch gibt es zu viele „handwerkliche“ Fehler. Eine Touristeninformation darf einfach nicht am Wochenende geschlossen sein. Verbotsschilder aller Art vor und in Ausflugsgaststätten müssten ebenso verschwinden wie Parkscheinautomaten auf Sandplätzen am Wald- oder Seerand. Dagegen kann die oft bemängelte Freundlichkeit des Personals wohl ebenso nicht einfach angeordnet werden wie das Ende der regelrechten Jagd nach Parksündern vor bestimmten Gaststätten und Theatern.

Auch Wegweiser und Rastplätze, einst oft von ABM-Gesellschaften eingerichtet, verlangen eine Pflege. Bei aller positiven Bilanz ist der Tourismus vielerorts aber noch kein Selbstläufer. Die zarte Pflanze des Aufschwungs muss weiter gepäppelt werden.

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