Der Tagesspiegel : Zehntausende Male am Tag klingelt das Telefon

Der Niederlausitz hat das Hartz-Konzept bereits 600 Arbeitsplätze beschert: Die Minijob-Zentrale betreut Unternehmer aus ganz Deutschland

Sandra Dassler

Cottbus. Als sie die Zusage im Briefkasten fand, hat Eveline Richter vor Freude gejubelt. Drei Jahre war die 45-Jährige aus der Nähe von Cottbus arbeitslos. Auch die Umschulung zur Betriebswirtin brachte nichts. Und jetzt dieser Arbeitsplatz: ziemlich sicher, nicht weit von zu Hause entfernt und keineswegs einer dieser Minijobs. Mit diesen kennt sich Eveline Richter inzwischen richtig gut aus. Einige Wochen wurde sie geschult, nun kann sie alle Fragen am Telefon beantworten: „Nein, wenn Sie keine geringfügig Beschäftigten mehr haben, gilt das Anschreiben für Sie natürlich nicht.“ „Ja, die Regelungen treffen auch für Schüler und Praktikanten zu.“

Die Anstellung bei der Minijob-Zentrale der Bundesknappschaft, der zentralen Servicestelle für Arbeitgeber mit geringfügig Beschäftigten und für die Minijobber selbst, ist für Frauen wie Eveline Richter „wie ein Sechser im Lotto“. Für Cottbus ist die neue Behörde ein Glücksfall, den sie letztlich dem Hartz-Konzept verdankt. 600 neue Arbeitsplätze, bis 2005 sollen es gar 900 sein – das hat es in Cottbus schon lange nicht mehr gegeben. Am Donnerstag meldete das örtliche Arbeitsamt die Rekord-Zahl von fast 67 000 Erwerbslosen im Bereich Cottbus. Vom Glanz der einstigen Tuchmacherstadt ist wenig geblieben, da hat es schon Symbolcharakter, dass sich die Servicestelle ausgerechnet in einer liebevoll restaurierten, ehemaligen Tuchfabrik befindet. Trotz der modernen Anlagen funktioniert an den ersten Tagen manches nicht. Am 1. April, dem offiziellen Start, hatten die Anrufer, obwohl sie in der Warteschleife waren, ein Freizeichen. Und niemand meldete sich. „Die müssen gedacht haben: Tolle neue Behörde. Keiner geht ans Telefon“, sagt Jürgen Lehmkuhl, der Leiter des Servicecenters.

In Wirklichkeit haben die Angestellten in den vergangenen Tagen täglich etwa 10 000 Anfragen beantwortet. Sie betreuen 5,8 Millionen Arbeitnehmer und 1,8 Millionen Arbeitgeber in ganz Deutschland. Für alle ist die Minijob-Zentrale ein Neuanfang: Sandra B. (39) wollte nicht mehr in der Firma ihres Mannes arbeiten. „Zehn Jahre sind genug – ich will auch mal wieder was alleine machen“, sagt sie. Silvia S. (31) hatte bei der Sparkasse „eigentlich alles erreicht – da wurde es Zeit für einen Wechsel“. Maik A. (26) stammt aus der Nähe von Zwickau. Weil seine große Liebe in Cottbus wohnt, hat er seit zwei Jahren eine Arbeit in der Nähe gesucht. „Ich bin Banker“, sagt er, „Sie wissen ja, wie es da zur Zeit aussieht. Deshalb war ich froh, dass ich jetzt diese Stelle bekommen habe.“ Während der Telefonate tippen die Angestellten oft Adressen in die Computer, zwischendurch tüten sie Informationsmaterial ein.

Die Nachfrage ist groß, an der Wand zeigt ein rotes Elektronenband an, wie lange der nächste Anrufer bereits gewartet hat: „399 Sekunden“ – aber wenigstens ist die Hotline unentgeltlich. Offiziell sitzt die Minijob-Zentrale in Essen. Dorthin gehen die Briefe und die Faxe. Deshalb sind manche Unternehmer etwas verblüfft am Telefon. Neulich hatte Eveline Richter einen Unternehmer aus Bayern am Apparat, der sich redlich bemühte, Hochdeutsch zu sprechen. Als er Cottbus hörte, wollte er eine andere Nummer: „Sie sind doch sicher nur für den Osten zuständig.“

1990 ist Lehmkuhl mit der Bundesknappschaft aus Westfalen in die Lausitz gekommen. „Ich habe alles mitgemacht“, erzählt er, „von den Zeiten, als man den Menschen hier für Gebrauchtwagen mehr abknöpfte als für Neuwagen, über die Schließung der Tagebaue bis zur gegenwärtigen katastrophalen Arbeitsmarktlage.“ Dass die Minijob-Zentrale der drittgrößte Arbeitgeber in Cottbus sei, sage alles über die Situation in der Region, meint er. „Aber die Leute hier geben nicht auf. Einer der ersten, der sich persönlich bei uns erkundigt hat, war ein pfiffiger Kleinunternehmer. Der sah, dass es hier noch keine Pausenversorgung gibt. Jetzt sorgt er für unsere Frühstücksbrötchen – ein klassischer Minijob.“

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