Der Tagesspiegel : Zehntausende Tote kurz vor Kriegsende

60 Jahre nach der Schlacht auf den Seelower Höhen gedachten Veteranen beider Seiten der Opfer

Claus-Dieter Steyer

Seelow - Der Beginn der Schlacht um die Seelower Höhen war selbst in den 50 Kilometer entfernten Berliner Vororten zu hören. Über eine Million Granaten wurden am 16. April vor 60 Jahren und an den folgenden zwei Tagen auf diesen Höhenzug hinter dem Oderbruch abgefeuert. Rund 50 Soldaten beider Seiten, die das Inferno der letzten großen Feldschlacht des Zweiten Weltkrieges überlebten, kehrten am Sonnabend an den Ort der Kämpfe zurück. Gemeinsam mit Angehörigen, Politikern und Geistlichen ihrer Konfessionen erinnerten sie an das sinnlose Sterben und riefen immer wieder dazu auf, eine solche Barbarei nie wieder zuzulassen.

Auch eine kleine Gruppe sowjetischer Kriegsveteranen war gestern gekommen. Sie waren leicht unter den rund 600 Teilnehmern der Gedenkveranstaltung in Seelow auszumachen. Ihre Jacken schmückten Orden und Plaketten. „Das sind wir unseren toten Kameraden schuldig“, sagte ein grauhaariger Mann aus Weißrussland. Stolz griff er zum Orden für „Hervorragende Verdienste im Großen Vaterländischen Krieg“. Nachdenklich berichteten er und drei seiner damaligen Mitkämpfer über die Schlacht aus ihrer Sicht. „Als wir die Oder erreichten, dachten wir, der Krieg sei so gut wie vorbei“, erinnerte sich ein ehemaliger Zugführer. „Wir waren alle schon lange im Krieg und wollten nach Hause.“ Mit so vielen Toten in den letzten Schlachten hätte niemand gerechnet. Der russische Botschafter in Deutschland, Vladimir Kotenev, bezifferte in seiner Rede die täglichen Verluste der Roten Armee in den drei Wochen zwischen dem 16. April und der Kapitulation am 8. Mai auf rund 15 000 Soldaten. „Allein auf den Seelower Höhen starben 33 000 sowjetische Kämpfer. Das waren mehr als in Stalingrad oder bei der Verteidigung von Moskau.“ Auch 5000 Angehörige der 1. Polnischen Stoßarmee, die an der Seite der Sowjets kämpfte, überlebten nicht.

Hans Kabel nahm als 20-jähriger Angehöriger der 20. Panzergrenadierdivision an der Schlacht teil. „Durch unsere Aufklärer ahnten wir, welche Massen an Soldaten auf der anderen Seite der Oder zusammengezogen wurden. Aber wir hatten den Befehl, unsere Stellungen zu verteidigen. Ein Zurück gab es nicht, da wartete das Kriegsgericht.“ 12 000 Deutsche kostete die Schlacht das Leben.

Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) rief in seiner Gedenkrede zum Kampf gegen den Rechtsextremismus auf. „Keine Anstrengung kann uns zu mühsam sein, um in den Vorstellungen junger Menschen Werte wie Toleranz, Mitmenschlichkeit und Brüderlichkeit zu verankern“, sagte Platzeck. Daraus erwachse die Friedensliebe.

Nach den Reden und Kranzniederlegungen trafen sich die Überlebenden der Kämpfe vor 60 Jahren noch auf der Gedenkstätte der Seelower Höhen zum Austausch von Erinnerungen. „Dieses Museum liegt uns sehr am Herzen“, erzählte Hans Kabel. „Als ich Anfang der 90er Jahre zum ersten Mal hier war, machte mich die einseitige Darstellung der Kämpfe schon betroffen. Nur die Rote Armee tauchte da auf.“ Inzwischen sei es eine realistische Erinnerungsstätte geworden, die das Leiden, Grauen und Sterben auf beiden Seiten zeige.

Am Rande der Gedenkfeiern wollten Mitglieder der rechtsextremen Gruppe „Märkischer Heimatschutz“ ein Plakat entrollen und Handzettel verteilen. Die Polizei, die mit einem Großaufgebot von Beamten in Zivil den Veranstaltungsort und den Soldatenfriedhof sicherte, griff sofort ein. 18 Personen erhielten ein Platzverbot.

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